Advents-Serie: Beflügelt:Die Engel auf der Schulter

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(Foto: Privat)

Volkan Türlü über die Aufgaben von Himmelsboten im Islam

Von Andrea Schlaier

Der ältere Herr, der gekommen war, den Flug in die Türkei zu bestätigen, hat sich bedächtig aus dem Stuhl erhoben, Volkan Türlü sanft auf die Schulter geklopft und ist inzwischen gegangen - wie auch nacheinander zig Pasinger; die einen holten mitunter fenstergroße Pakete ab, die anderen gaben welche auf. Und wieder geht die Tür auf. Herein tritt strahlend mit glühenden Wangen eine junge Frau: "Es hat super geklappt", sagt sie und setzt einen in Goldpapier eingeschlagenen Karton auf dem Boden vor Türlü ab; der Deckel ist halb geöffnet, drinnen liegen Korane. Die Referendarin hat gerade im Westen Münchens ihre Lehrprobe zum Thema Islam gehalten. "Ich hab' 'ne Eins, danke für deine Hilfe!" Türlü strahlt zurück.

Der 44-Jährige betreibt in einem Seitentrakt der Pasinger Moschee nicht nur Reisebüro und Postdienststelle. Er ist auch zuständig für den interreligiösen Dialog der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu München-Pasing. 6000 Besucher führt er im Jahr durchs Zentrum, veranstaltet Vorträge, Lesungen, Musikabende für Volkshochschule, Studenten, Schüler und koordiniert mit Vertretern evangelischer, katholischer und jüdischer Gemeinden den Pasinger Friedensweg.

Religiöse Vermittlungsarbeit wie bei der Lehrerin sei ihm ein Bedürfnis. Sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, löse Spannungen, die zuweilen auf Wissensmangel beruhten und Angst auslösten. Erkenntnis verbinde. So erzählt er bei Bedarf auch von Engeln. Für seinen Sohn etwa gelte die Mama als Lieblingsengel. "Grundsätzlich sind für Muslime Himmelsboten aber Lichtgestalten ohne eigenen Willen, Erfüllungsgehilfen Gottes und Energiequellen." Eine besondere Rolle spielt Gabriel, auf Arabisch Dschibril, weil er der Bote Gottes war, der sich Mohammed gezeigt und ihm die Offenbarung übermittelt habe. Über ihn gebe es diese Legende: "Mit seinem Flügel hat er den Mond gestreichelt, dadurch sind die Löcher auf dem Mond entstanden." Ein Leben lang, erzählt Türlü weiter, "begleiten uns ein Engel auf der rechten und ein Engel auf der linken Schulter". Der rechte schreibt die guten Taten nieder, der linke "mit Tränen in den Augen" die nicht so guten. "Wenn wir sterben, werden wir ein Buch unseres Lebens erhalten; kommt es von rechts, ist es ein gutes Zeichen ..."

Schon wieder geht die Tür auf. Volkan Türlü, der Geschichtenerzähler, nimmt den Faden wieder auf, im Reisebüro, der Poststelle oder bei nächster Gelegenheit in der Moschee.

Als Adventskalender erzählt die Stadtviertel-Redaktion Münchner Engels-Geschichten. Am Montag: Paul Klees Erzengel.

© SZ vom 07.12.2019
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