Am Anfang ist die Stimme. Sie umtanzt Yasmîna zum stampfenden Rhythmus der Percussion. Will Yasmîna berühren, küssen. Verlangen in der Violine. Irres Sirren im Klang der Finger Cymbals. Schlagzeug und Bass pumpen einen Groove in den Song, dass die Nadel fast aus der Plattenrille hüpft. Zeit für ein kurzes, testosteronbrünstiges Gitarrensolo. Kleine Fußnote in den Linernotes des Albums: Yasmîna ist der Spitzname, den der Sänger einem Cis-Typen gab.
Ein Cis-Mann, dies als Erklärung für alle, an denen die Terminologie bis jetzt vorbeiging, ist einer, der sich im weiten Feld der Identität eindeutig als Mann definiert. Adir Jan ist ein Sänger mit kurdischen Familienwurzeln, der seine Heimat in der queeren Szene Berlins gefunden hat. „Al Mast“ heißt sein zweites Album, wie sein Vorgänger erschienen beim Münchner Label Trikont, wo man in guter Tradition der Freiheit des Lebens und Liebens einen Ort gibt.
„Al Mast“ ist im Sound noch einmal deutlich wuchtiger und kompakter geworden als das Debüt. Es ist eine Platte, die sich Raum schafft in einer immer enger werdenden Welt. Eine Platte als Safe Space und Utopie. Grundiert vom eleganten, leicht nasalen Sound von Adir Jans Langhalslaute Tembûr, die wie eine innere Stimme im Kopf der Hörenden räsoniert.
In Kreuzberg geboren, ist Adir Jan nicht Ethno-Botschafter, sondern Erfinder seiner eigenen Klangidentität, die kurdisch-türkisches Melodieempfinden mischt mit Rocktraditionen, die nebenbei auch in der Türkei lange lebendig waren, und einem tanzbaren Club-Gefühl für die Großstadt-Community. Heimat hat man nicht, man sucht sie und findet sie: „Berlin ist, wo die Zazas leben“, singt Adir Jan in „Medley II“ – und durch die Straßen Kreuzbergs schallt das Stimmtrillern der Frauen.
In „Off“ hört man die Duduk singen, ein Instrument im Klang ähnlich einer Oboe. Zum schwebenden Klang nimmt der Sänger eine Beziehung auseinander. Wer nicht Zaza, Kurdisch oder Türkisch spricht, hält sich an die englische Übersetzung, die die Platte mitliefert. Der Sänger wird Holz, er brennt, er verbrennt. Es flackern die Bilder, der Sänger zerfällt: „Sprich mit mir, sprich mit mir“.
Auf einem kleinen Foto in den Liner Notes sieht man Adir Jan mit Bienenwaben als Imker. Auf dem konsequent in Gelb- und Rottönen gehaltenen Cover neigt er den Kopf zu Seite. Von seinem Gesicht tropft Honig, als würde sich der ganze Künstler in Gedanken auflösen.

Auch wenn die Musik aus einer Szene wächst, ist sie offen und vereinnahmend. Mit „Sana Ne“, in dem die Tembûr flankiert wird von der Cümbüş, einer türkischen Laute, ähnlich gebaut wie ein Banjo, mit aufregend perkussivem Sound, feiert Adir Jan die queere Szene: trans, lesbisch, schwul. Der Song ist Anklage, er will Versöhnung, der Kampf um Anerkennung wird zur Umarmung. Die Bitte, die der Sänger in die Welt ruft, ist so schlicht wie klar: „Hab’ keine Angst, gib’ nicht auf.“
Gefühl entwickelt sich hier organisch, auch gerne bis zum warmen Pathos. Der Dank in den Liner Notes geht an die, die ihn lieben, die, die ihn hassen. Und an das Universum. „Aurélien“ ist sehnsüchtige Ballade, die zum Powerrock mit einer Poser-Riffs schmetternden Gitarre wird. Da hätte es den letzten Song des Albums „In Deiner Welt“ nicht gebraucht: Gefühlswallung als deutsch gesungener Chanson ist Adir Jans Welt nicht.
Den ganzen Adir Jan findet man in „Gel“. Geigen auf mindestens zwei Tonspuren, gestrichen und gezupft. Sanft schaukelt das Lied wie ein Fischerboot in den Wellen. Und plötzlich löst sich das rhythmisch auf, wird weit und entwickelt mit einer Melodie, getragen von Geigen und E-Gitarre, ein progrockiges Gefühl. Fragen nach sexueller Orientierung hat man hier schon lange hinter sich gelassen. Das Singen über die Liebe ist universell. „Al Mast“ ist keine schwule Platte, sondern ein ornamental reiches Gedicht über Sehnsucht: „Ich bin ein Hafen für deine Lippen“, singt Adir Jan, als wäre das Hohelied Salomons mit seinem flirrenden Sex Leuchtturm seiner Lyrik.

