Kunst:Kultur des Erinnerns

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Kunst: Marie Saller: "Overactive Amygdala".

Marie Saller: "Overactive Amygdala".

(Foto: Luciano Pecoits)

In der Ausstellung "I Did Not See It Coming" in der Lothringer 13 untersuchen Studierende der Münchner Kunstakademie Formen der Gewalt und beziehen sich auch auf das Olympia-Attentat 1972.

Von Evelyn Vogel

Gewalt, Aggression, Angst - was macht das mit Menschen, wie gehen sie damit um? Eine Frage, die in den vergangenen Tagen angesichts der russischen Aggression gegen die Ukraine eine Brisanz und Aktualisierung erfahren hat, wie sie sich die Studierenden der Münchner Kunstakademie gewiss nicht vorstellen konnten. Der eigentliche Anlass für die Ausstellung "I Did Not See It Coming" der Klasse Olaf Nicolai in der städtischen Lothringer 13-Halle war ein historischer, der derzeit aber ebenfalls verstärkt in Erinnerung gerufen wird: das Attentat auf die israelische Delegation bei den Olympischen Spielen 1972 in München, das nun 50 Jahre zurückliegt.

Wobei man sagen muss: Der Anlass bleibt überwiegend im Hintergrund und kommt vor allem in dem titelgebenden Satz "I Did Not See It Coming" zum Ausdruck. Dieser zielt darauf ab, wie völlig unvorbereitet die Polizei damals auf einen solchen Anschlag war. Aber es geht ja nicht nur um gestern. Ob Querdenker-Aufmärsche oder Demonstrationen wie jüngst während der Sicherheitskonferenz - ständig kommt die Debatte auf: War die Polizei darauf richtig vorbereitet? Hat sie angemessen reagiert? War zu viel Gewalt im Spiel und von welcher Seite? Schon da hakt es gedanklich ein: Kann es eigentlich ein "Zuviel" an Gewalt geben? Ist nicht jede Gewalt falsch - egal von wem und aus welchem Grund sie eingesetzt wird?

Das Thema, das sich die Studierenden vorgenommen haben, ist also hoch aktuell und bewegt sie vermutlich nicht nur im künstlerischen Kontext. Um so überraschender, wie vorsichtig sie damit umgehen. Mit unterschiedlichen thematischen, formalen und künstlerischen Ansätzen nähern sie sich der Frage: Was ist Gewalt? Und wo fängt sie für dich an? Dabei schlagen sie den Bogen von Ungleichbehandlung, Ausgrenzung, Respektlosigkeit, Lärm, Fake News und Hate Speech über Ausbeutung, Sachbeschädigung und Abschiebung bis hin zu Polizeigewalt, sexualisierten Übergriffen, militarisierten Außengrenzen, Sklaverei und Kolonialismus. Auch familiäre Hintergründe spielen eine Rolle, wie bei Ju Young Kim, deren Video und Koffer-Installation an den einst aus Nordkorea geflohenen Großvater erinnert, oder Paul Kulscar, der sich mit dem Tod der Großmutter auseinandersetzt und einen Sarg samt Bauanleitung mit Open-Source-Datei präsentiert.

Manche Arbeiten sind verstörend, andere eher harmlos oder poetisch

Verstörend ist die filmische Arbeit "Defence. What do you do with your anger?" von Simona Andrioletti, eine Found-Footage-Collage, in der sich verschiedene Menschen in unterschiedlichen Situationen gegen körperliche und emotionale Unterdrückung und Gewalt zu wehren versuchen. Auch Greta Eimulytés Papierarbeit "Bloom" über die Zerstörungskraft von Hohlspitzgeschossen - ein durch die Haager Konventionen für die Kriegsführung eigentlich verbotenes Kriegsgerät - lässt einen als Betrachter betroffen zurück. Daran klingt Marie Sallers Glasarbeit "Overactive Amygdala" an, deren Gravur an Geschosseinschläge erinnert.

Mit dem Thema Gefangenschaft beschäftigen sich Jonas Höschl, der in seinem "Besuchstag" die Praxis der Gefängnis-Zines in den Ausstellungsraum überträgt, und Mathias Zausinger, der in einem filmischen Reenactment Erinnerungen aus dem Strafvollzug inszeniert. Einige der 21 Positionen wirken eher harmlos, manche poetisch. Erinnerungsarbeit leisten unter anderen Jonas Kolecki mit seiner Wandarbeit "Relics for a Possible Future" und Mariella Maier mit "Tischung". Die beiden Arbeiten dominieren zusammen mit den original Flutlichtstrahlern aus dem Münchner Olympiastadion, die Maria Margolina und Martin Huber, unter dem Titel "5NA 710" arrangiert haben, den zentralen Raum der Lothringer 13. Letztere werden immer um 15.38 Uhr aktiviert. Dann leuchten sie im Takt des Schusswechsels zwischen Polizei und Terroristen während des Befreiungsversuchs der Geiseln in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1972. Ein Lichtstakkato, das sich in die Erinnerung einbrennt.

I Did Not See It Coming, Studierende der Klasse Olaf Nicolai (AdBK München), Lothringer 13-Halle, bis 6. März, Infos unter www.lothringer13.com

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