Schlüsseldienste ADAC öffnet künftig auch Haustüren

Viele Schlosser haben sich aus dem Geschäft zurückgezogen. Es lohne sich nicht, für Notfälle immer wieder die Arbeit zu unterbrechen.

(Foto: dpa)
  • Das Hilfsangebot ist ein Münchner Modellprojekt, das zunächst auf ein halbes Jahr begrenzt ist.
  • Ähnlich wie beim Pannendienst vermittelt der Automobilklub die Dienstleistung und wickelt die Bezahlung ab.
  • Eine einfache Türöffnung soll an Werktagen zwischen sieben und 18 Uhr 99 Euro kosten. Das Angebot richtet sich aber nur an ADAC-Mitglieder.
Von Julian Hans

Für vergessliche Menschen könnte das Leben in München bald ein bisschen einfacher werden. Wer seinen Schlüssel zu Hause liegen gelassen und die Tür ins Schloss gezogen hat, der wird künftig womöglich nicht mehr so leicht Opfer betrügerischer Notdienste, die sich eine einfache Türöffnung mit fantastischen Summen bezahlen lassen. Von Montag an reicht ein Anruf beim ADAC. Der Automobilklub bietet nun nicht nur Pannenhilfe an, sondern öffnet auch Haus- und Wohnungstüren. Die Dienstleistung wird es vorerst nur in der Landeshauptstadt geben, das Modellprojekt ist zunächst auf ein halbes Jahr begrenzt. Wenn es sich bewährt, werde der Service auf das ganze Bundesgebiet ausgeweitet, teilte der Verband am Donnerstag mit.

Überteuerte Notöffnungen und Türenknacker, die den verzweifelten Kunden am Ende auch noch drohen und sie dazu nötigen, die Rechnungen sofort und in bar zu bezahlen, sind ein altes Problem. In jüngster Zeit hat es sich verschärft, die Münchner Polizei spricht von einem "exorbitanten" Anstieg der Fälle, in denen teilweise Summen von 2000 Euro und mehr verlangt werden. Oft melden sich die Opfer solcher Praktiken erst später bei der Polizei, und die kann dann wenig machen: Nach dem Gesetz ist der Tatbestand des Wuchers nur erfüllt, wenn eine Notlage ausgenutzt wurde. Wird die Rechnung aber erst ausgestellt, wenn die Tür wieder offen ist, dann ist auch die Notlage vorbei. Wer sich bedroht fühle, solle auf jeden Fall den Notruf wählen, rät die Polizei.

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Der ADAC verspricht nun mehr Transparenz. 99 Euro soll die einfache Öffnung einer nicht verriegelten Tür an Werktagen zwischen sieben und 18 Uhr kosten. Bei verschlossenen Türen, in der Nacht und am Wochenende wird es teurer - bis zu 249 Euro für bis zu 45 Minuten. Bei besonders komplizierten Fällen kostet jede weitere Viertelstunde zusätzlich 30 Euro. Die Uhr läuft, sobald der Helfer vor Ort ist. Die detaillierte Preisliste und die Geschäftsbedingungen können im Internet unter adac.de/schluesselnotdienst abgerufen werden.

Bezahlt wird per Rechnung. Ein Haken ist allerdings auch hier schon jetzt erkennbar: Das Angebot gilt nur für Mitglieder. Der ADAC sei dafür bekannt, seinen Mitgliedern in Notlagen zu helfen, sagt Stefan Dorner vom ADAC Südbayern. Dies gelte in Zukunft nicht nur auf der Straße, sondern auch an der Haustüre. Dafür hat der Verkehrsklub sechs Straßenwachtfahrer speziell geschult und darüber hinaus Verträge mit vier Fachbetrieben geschlossen, die die besonders schweren Fälle übernehmen sollen. Ähnlich wie beim Pannendienst vermittelt der ADAC die Dienstleistung und wickelt später die Bezahlung ab.

Dass die Pannenhelfer keineswegs nur gelbe Engel sind und sich durchaus auch mit überflüssigen Zusatzangeboten und teilweise aggressiver Mitgliederwerbung versündigt haben, zeigt eine aktuelle Recherche dieser Zeitung (). Das neue Angebot eines Schlüsselnotdienstes passt zu den Versuchen des Verkehrsklubs, sich ein neues Leitbild zu geben - weg von der Autolobby für PS-Begeisterte, hin zum "Mobilitätshelfer". Und Mobilität beginne schließlich schon an der Haustüre, sagt ADAC-Sprecher Dorner: "Wir können künftig nicht nur Autotüren öffnen, sondern auch Wohnungstüren."

Die Branche der Schlosser und Schlüsseldienste in München sieht die neue Konkurrenz durch den immerhin 20 Millionen Mitglieder starken Verkehrsklub gelassen. "Alles, was dem Verbraucher kalkulierbare Kosten bringt, ist zu begrüßen", sagt Heinz Kelm von der Metallinnung München. Die überteuerten Rechnungen stellten in der Vergangenheit ja nicht die in München ansässigen Fachbetriebe aus, sondern Stümper, die nur vortäuschen, vor Ort zu sein. Stattdessen führt die im Internet angegebene Vorwahl 089 zu einem Callcenter, das Türknacker vermittelt, die im ganzen Bundesgebiet unterwegs sind und häufig nicht einmal eine Werkstatt haben, sondern nur eine Tasche mit ein paar Instrumenten im Kofferraum. Im August 2018 hat das Landgericht in Kleve zwei Hintermänner wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Es sei fraglich, ob es gelinge, ganz München 24 Stunden am Tag abzudecken, gibt Kelm zu bedenken. Viele Schlosser hätten sich aus dem Geschäft zurückgezogen, da es sich nicht lohne, wenn man für Notfälle immer wieder die Arbeit unterbrechen müsse und wichtige Aufträge deshalb liegen blieben. Vor 25 Jahren hat die Metall-Innung München-Freising-Erding schon einmal versucht, so etwas wie einen gemeinsamen Notdienst zu organisieren. Das sei gescheitert, berichtet Klem, es hätten nicht genug Betriebe mitgemacht, um wirklich einen flächendeckenden Service rund um die Uhr anzubieten. Dazu kommen komplexe rechtliche Fragen: Eine einfache Türöffnung darf heute jeder anbieten, der es kann. Sobald dabei aber die Tür oder der Schließzylinder zerstört werden muss, etwa weil das Schloss verriegelt war, dürften nur Betriebe tätig werden, die in die Handwerksrolle eingetragen sind.

Der ADAC will nun erst einmal sechs Monate lang testen, wie stark die Nachfrage in München ist. Statistiken gibt es dazu kaum. Marktforscher schätzen aber, dass sich in einem Jahr im Stadtgebiet etwa 10 000 Menschen aus ihren Wohnungen aussperren.

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