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70. Jahrestag der Verhaftung der Geschwister Scholl:Für die Überzeugung in den Tod

Mit gerade einmal 21 und 24 Jahren werden sie mit dem Fallbeil hingerichtet: Die Geschwister Scholl lehnten sich mit all ihrer Kraft gegen das Nazi-Regime auf - und bezahlten dafür mit dem Leben. Heute vor 70 Jahren wurden sie in der Münchner Universität verhaftet.

Mit gerade einmal 21 und 24 Jahren werden sie mit dem Fallbeil hingerichtet: Die Geschwister Scholl lehnten sich mit all ihrer Kraft gegen das Nazi-Regime auf - und bezahlten dafür mit dem Tod. Heute vor genau 70 Jahren wurden sie in der Münchner Universität verhaftet. Auch Hans und Sophie Scholl glaubten zunächst an das von der nationalsozialistischen Jugendbewegung propagierte Gemeinschaftsideal. Sophie tritt am 20. April 1934, Hitlers Geburtstag, mit fast 13 Jahren, den Ulmer Jungmädeln bei, brachte es dort im Jahr 1936 zur Scharführerin. Und auch Bruder Hans war begeistertes Mitglied der Hitlerjugend. Doch wenige Jahre später bricht sich das liberale Denken der Geschwister Bahn.

Noch vor ihrem Abitur, das Sophie Scholl 1940 ablegt, rückt sie vom NS-Regime ab. Immer mehr beschäftigt sie sich mit Fragen der Religion, Philosophie und Malerei - ein Versuch der Abgrenzung. Nach dem Abitur arbeitet sie zunächst als Kindergärtnerin und absolviert den Kriegsdienst, bevor sie im Mai 1942 zu ihrem Bruder Hans nach München ziehen kann. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität studiert sie Biologie und Philosophie. Privat führt ihr Bruder Hans sie in seinen regimekritischen Freundeskreis ein.

Hans Scholl lebt schon länger als seine Schwester in München, studiert Medizin. Ihre geistige Prägung erfahren er und seine regimekritischen Freunde vor allem durch die katholischen Publizisten Carl Muth und Theodor Haecker. Mentor der Gruppe ist jedoch der Philosophieprofessor Kurt Huber, dessen Vorlesungen sie oft gemeinsam besuchen und mit dem sie auch privat viel über die Frage diskutieren: Wie kann man sich während der Nazi-Diktatur seine geistige Unabhängigkeit bewahren?

Wie Hans Scholl war Christoph Probst zunächst in der Hitlerjugend, trat mit seinem Abitur 1937 allerdings wieder aus. Seit 1936 ist er mit "Weiße Rose"-Mitglied Alexander Schmorell befreundet, den er seit der Schulzeit kennt. Durch ihn lernt er auch Hans Scholl kennen und schließt sich dem Widerstand an. Die Nazis konnten Probst eine Verbindung zur "Weißen Rose" nur deshalb nachweisen, weil Hans Scholl bei seiner Verhaftung einen Flugblattentwurf von Probst bei sich trug. Christoph Probst stirbt wie die Geschwister Scholl am 22. Februar 1943 in München durch das Fallbeil.

Der Student Alexander Schmorell bildete mit Hans Scholl zu Anfang den Kern der "Weißen Rose." In Russland geboren, kommt Schmorell für das Medizinstudium zuerst nach Hamburg, dann nach München. Mit Hans Scholl verfasst und verteilt Schmorell die ersten Flugblätter der "Weißen Rose", in denen auch die Judenvernichtung angeprangert wird. Zwei Tage nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl wird Schmorell, der versucht hatte unterzutauchen, während eines Bombenangriffs in einem Luftschutzbunker verhaftet und am 13. Juli 1943 ermordet.

"Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben", diese Worte richtet Willi Graf in einem geschmuggelten Abschiedsbrief aus der Todeszelle an seine Schwester Anneliese. Wie Hans Scholl und Alexander Schmorell ist er Medizinstudent. Als Sanitäter an die Ostfront berufen, wird er Zeuge der Greueltaten der Nazis. Mit seinen Mitstreitern von der "Weißen Rose" verfasst er Flugblätter und schreibt nachts Parolen wie "Nieder mit Hitler!" an Münchner Häuserwände. Willi Graf wird wie die Geschwister Scholl am 18. Februar 1943 verhaftet und wenig später zum Tode verurteilt, hingerichtet wird er allerdings erst Monate später. Zuvor verhört ihn immer wieder die Gestapo, um die Namen weiterer Oppositioneller zu erfahren - ohne Erfolg.

Kurt Huber, ein Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität in München, stößt 1942 zum Kern der "Weißen Rose" hinzu. Huber ist es auch, der das letzte Flugblatt der "Weißen Rose" formuliert. Seine Vorlesungen waren der Treffpunkt der Widerständler. Dort beschäftigt sich der Professor mit staatsbürgerlicher Verantwortung, verbotenen jüdischen Denkern und übt Kritik an der Nazi-Propaganda. Damit wird er zum geistigen Mentor der Mitglieder der "Weißen Rose." Huber schließt seine Vertedigungsrede vor dem Volksgerichtshof mit diesen Worten des Philosophen Johann Gottlieb Fichte: "Und handeln sollst du so/ Als hinge von dir und deinem Tun allein/ Das Schicksal ab der deutschen Dinge/ Und die Verantwortung wär´ dein." Er wird am 13. Juli 1943 in Stadelheim ermordet.

Ab 1942 verteilte die "Weiße Rose" insgesamt sechs Flugblätter. Die ersten vier Flugblätter gingen an Schriftsteller, Professoren, Buchhändler, Freunde und Studienkollegen in und um München. Mit dem fünften Flugblatt 1943 sollte dann auch die breite Masse angesprochen werden. Mit den Worten "Aufruf an alle Deutsche!" wendet sich die Gruppe an die Menschen in sechs süddeutschen und österreichischen Städten. In einer Nachtaktion verteilen sie außerdem Tausende Flugblätter in München. Das sechste und letzte Flugblatt wird den Widerständlern zum Verhängnis: Als Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 einen Stapel der Blätter in den Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität hinabwerfen, werden sie erwischt und verhaftet. Die Flugblätter können im Wortlaut auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung gelesen werden: http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose/61008/die-flugblaetter-im-wortlaut

Es ist der 22. Februar 1943: Nach langen Verhören und einer viertägigen Verhandlung vor dem Volksgerichtshof werden Sophie Scholl, ihr Bruder Hans und Christoph Probst zum Tode verurteilt. "Wegen landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung", heißt es in der Urteilsbegründung des obersten NS-Richters Roland Freisler. Noch am selben Tag werden die Urteile im Münchner Gefängnis Stadelheim vollstreckt: Tod durch das Fallbeil. Sophie Scholl wird nur 21 Jahre alt, Christoph Probst 23. Hans Scholls letzte Worte sind: "Es lebe die Freiheit!", er wird 24 Jahre alt. Am 22. Februar 2013 jährt sich der Todestag der drei Widerstandskämpfer zum 70. Mal. (Im ehemaligen Hinrichtungsraum im  Gefängnis Stadelheim wurden während des Dritten Reiches 140 Menschen ermordet. Später wurde der Raum als Autowerkstatt der Gefängnisverwaltung genutzt.)

70 Jahre nach dem Mord an den Geschwistern Scholl und ihrer Mitstreiter erinnern steinerne Flugblätter, die in den Boden vor dem Haupteingang der Universität eingelassen sind, an den Widerstand der "Weißen Rose." Auch an vielen weiteren Orten in München wird der Geschwister Scholl gedacht: So heißt die Hauptadresse der Ludwig-Maximilians-Universität Geschwister-Scholl-Platz 1, Politikwissenschaft wird im Geschwister-Scholl-Institut in der Oettingenstraße gelehrt.

Am 30. Januar 2013 legen Bundespräsident Joachim Gauck und der Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität Bernd Huber einen Kranz im Gedenken an die "Weiße Rose" neben dem Flugblatt-Denkmal ab. Seine Weiße-Rose-Gedächtnisvorlesung beginnt Gauck mit einem Zitat von Sophie Scholl: "Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen." Diesen Satz habe sie am 22. Februar 1943 dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, ins Gesicht gesagt.

Die Geschwister Scholl und Christoph Probst liegen im Friedhof am Perlacher Forst im Münchner Stadtteil Obergiesing begraben.

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