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32 Bands auf vier Bühnen:Der große Klang der kleinen Labels

Klangfest Gasteig

Sie haben längst eine Münchner Fan-Gemeinde: Ami und Wally Warning auf der Bühne im Celibidache-Forum. Insgesamt traten 32 Bands auf.

(Foto: Florian Peljak)

Das Festival im Gasteig soll Independent-Künstlern eine Bühne geben und so auf deren schwierige Arbeitsbedingungen in München aufmerksam machen

Von Katharina Hinsche

Dicke Luft herrscht in den Fluren des Gasteigs, wo Tausende Besucher zwischen Carl-Orff-Saal, Black Box und Kleinem Konzertsaal umher wuseln, als Mario Knapp, ein schmächtiger Mann mit orangefarbener Wollmütze bereits die ersten melancholischen Klänge auf seiner E- Gitarre anstimmt. Drei Jahre lang war der Musiker als Kloputzer tätig. Da wurde ihm klar, dass "viele schöne Dinge buchstäblich aus Scheiße entstehen". Und so gründete er die "Mobile ethnische Minorität": Er produziert in Eigenregie Singer-Songwriter- -Pop-Folk-Alben. Traurig, voll und sehr wahr klingt seine Stimme, mit der er jetzt auf der kleinen Bühne singt.

So wie Knapp arbeiten viele Bands und Solokünstler in München. Das "Klangfest" im Gasteig soll eine Art jährliche Leistungsschau der Independent-Szene sein und Einblick in deren Arbeit bieten. Die ist in München alle andere als leicht - wo Mieten für Wohnungen und Proberäume nahezu unerschwinglich sind; wo Hochkultur mit Millionen subventioniert und Subkultur oft an den Rand gedrängt wird. Aber nur jammern nützt der Szene nichts. Denn am Ende kommt es darauf an, eine überzeugende Leistung auf die Bühne zu bringen. Darum geht es auch bei einer Podiumsdiskussion mit Musikproduzenten. Giorgio Koppehele von Avenue Music etwa ist der festen Überzeugung, dass sich Qualität am Ende immer durchsetzen wird. Einem Gitarristen aus dem Publikum sagt er ganz unverblümt: "Nur gut sein reicht nicht. Sie müssen sehr gut sein!". Auch Jenny Kornmacher, die ein Förderprogramm für innovative Startups in der Musikwirtschaft leitet, betont, dass sich Musiker einfach mal den Trends und Gegebenheiten anpassen müssten. Der VUT Süd (Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten) veranstaltet in diesem Jahr zum achten Mal das Klangfest in Kooperation mit dem Kulturreferat. Die kleinen unabhängigen Plattenlabels erhoffen sich durch ihren Zusammenschluss mehr Aufmerksamkeit und einen größeren Einfluss. 13 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr zu den Konzerten auf vier Bühnen im Gasteig, heuer dürften es trotz der sommerlichen Hitze kaum weniger gewesen sei.

Was leider dem Fest das Lässig-Spontane nimmt, ist der Ticketverkauf jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn. Wer möglichst viele der insgesamt 32 Bands und Solokünstler hören möchte, gerät schnell in Stress. "Konzert-Hopping" ist kaum möglich, die ersten Klänge jeder Veranstaltung werden häufig von einem verzweifelten "Wo ist denn dieser Sitz 3 in Reihe 11, Block T?" übertönt. Lange Schlangen vor den Sälen, die man so vermeiden wollte, gibt es trotzdem: Besonders viele wollen den in Pakistan geborenen Gitarristen, Komponisten und Produzenten Azhar Kamal hören, der schon mit Gitte Haenning und Willy Astor zusammenarbeitete. 50 Meter kringelt sich die Warteschlange vor seinem Konzert bis zur Black Box (wo die jungen Rocker von Ni Sala barfuß eine exzellente Live-Performance hinlegen). Wer sich davon nicht schrecken lässt, ist beeindruckt von der Qualität und erlebt ein Festival voller neuer musikalischer Eindrücke, bis hin zu "Alpen und Klezmer": Andrea Pancur verbindet jiddische und bayerische Volksmusiktraditionen - und bietet so ein besonderes Klangfest.

© SZ vom 06.06.2017
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