2500 Abonnenten Coming-out im Netz

„Das ist mein Leben und ich liebe, wen ich liebe“, sagt Rebecca Gubitzer. Die 22-Jährige steht zu ihrer sexuellen Orientierung.

(Foto: privat)

Wie Rebecca Gubitzer, 22, zu einem digitalen Vorbild wurde

Von Aylin Dogan

Auf dem Vorschaubild des Videos blickt Rebecca Gubitzer, 22, nachdenklich auf den Boden, im Hintergrund ist eine Regenbogenflagge zu sehen. Einmal die Woche lädt sie ein Video auf ihrem Youtube-Kanal hoch. Es geht hier um ihre seltsamen Angewohnheiten, Tipps zur Verschönerung von Second-Hand-Klamotten, solche Sachen. Es findet sich aber auch ein besonders privates Video. Es trägt den Titel: "Mein Coming-out. Wer oder was bin ich?" Wer auf das Video klickt, bekommt eine ganz und gar nicht nachdenkliche Rebecca zu sehen. Sie spricht energisch, hat gute Laune und erzählt ihren fast 2500 Abonnenten, wie sie zum ersten Mal richtige Gefühle für ein Mädchen hatte, wie sie ihrer Mutter in einem Brief davon erzählt hat und wie sie heute ihre Sexualität definieren würde - nämlich gar nicht.

"Es gibt so Begriffe, die sind fix. Und ich würde sagen, dass ich vorwiegend lesbisch bin. Ich möchte aber damit keine mögliche Beziehung zu einem Mann ausschließen. Das ist mein Leben und ich liebe, wen ich liebe", erzählt Rebecca. Aktuell ist sie in einer Beziehung mit einer Frau, auch das kommuniziert sie offen über ihre sozialen Kanäle. Sie fühlt sich im Internet wohl und kann sich vorstellen, irgendwann hauptberuflich Youtuberin zu sein. Schon jetzt gehört ihr Youtube-Kanal zum Funk-Netzwerk, einem Medienangebot von der ARD und dem ZDF.

In der Kommentarspalte zu dem Coming-out-Video sind sich die Menschen einig. Sie sind stolz auf ihre "Becci" und unterstützen sie. Viele Youtuber haben sich im Laufe ihrer Netzkarriere dazu entschlossen, ihren Anhängern mitzuteilen, dass sie ihre sexuelle Präferenz nicht als heterosexuell beschreiben würden. Eine der bekanntesten Deutschen ist dabei Melina Sophie. Ihr Coming-out vor vier Jahren wurde von fast sechs Millionen Menschen angesehen.

Diese Offenbarung ist immer mit viel Überwindung verbunden, so auch bei Rebecca: "Es klingt in dem Video sehr positiv, auch wenn ich darüber erzähle, wie gut meine Mutter darauf reagiert hat. Es gibt aber Familienmitglieder, die das nicht von mir wissen. Darüber öffentlich zu sprechen, hat mir geholfen. Und sollten diese Personen es so erfahren und damit ein Problem haben, dann ist das nicht mehr meine Sorge. Ich stehe dazu."

Mit diesem Video will sie nicht nur für sich selbst ein Statement setzen, sondern auch für ihre jungen Zuschauer eine Bezugsperson sein: "Wenn ich mich in mein jüngeres Ich zurückversetze, dann hätte ich sehr gerne ein Vorbild aus der LGBTQI-Szene gehabt." LGBTQI steht für lesbian, gay, bisexual, transsexual, queer und intersexual. "Wenn in der Schule überhaupt mal das Thema Sexualität aufgekommen ist, dann wurde nur über heterosexuelle Beziehungen gesprochen", sagt Rebecca. Mit ihrem Video leistet sie die Aufklärungsarbeit, die ihr früher gefehlt hat. Wie notwendig das offenbar war, bewies ihr die Geschichte eines Fans. Dieser hat sich, inspiriert von Rebeccas Geschichte, in einem Brief bei seiner Mutter als transsexuell geoutet. Die gebürtige Österreicherin, die seit vier Jahren in München lebt, erinnert sich: "Da war ich richtig stolz", sagt sie.

Anfeindungen oder schlechte Erfahrungen hat sie weder in ihrer Heimatstadt noch in München gemacht. Während sie das erzählt, klopft sie auf das Holz der Parkbank, auf der sie sitzt. Ihr ist bewusst, dass es noch immer ein Privileg ist, wegen seiner sexuellen Orientierung nicht verurteilt zu werden. Würde sie in Zukunft schlechte Erfahrungen machen, dann würde sie erst recht über das Thema sprechen: "Es ist 2019 und die Sachen müssen sich ändern. Ich könnte niemals aufhören, dazu zu stehen, was meine Werte sind", sagt sie. Sich selbst und ihren Zuschauern will sie treu bleiben und ihnen vor allem beweisen, dass es in Ordnung ist, sich selbst zu akzeptieren.

"Ich merke, wie schön das Leben ist, wenn man so ist, wie man ist, und sich nicht verstellt", sagt Rebecca. "Keiner sollte sich Sorgen machen, am Ende alleine dazustehen. Es wird immer jemanden geben, der euch so akzeptieren wird, wie ihr seid."