13. Oktober 2016, 18:56 Neue Heimat Der Vorteil des Vorurteils

In dieser Reihe schreiben vier geflüchtete Journalisten über ihren neuen Alltag in Oberbayern. Diesmal geht es um Erkenntisse im öffentlichen Nahverkehr.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Ich war mit einem Kumpel in die U-Bahn gestiegen, wir wollten zur Sprachschule fahren, wie sonst auch, doch dann passierte etwas Schreckliches. Eine Frau stieg mit ihrem kleinen Sohn aus und das Kind fiel in den Spalt zwischen Schiebetür und U-Bahnsteig. Die Mutter schrie und weinte. Auch das Kind schrie, das konnten wir hören, aber nicht mehr sehen.

Als ich im vergangenen Jahr zum ersten mal in eine U-Bahn stieg, da kaufte ich selbstverständlich keine Fahrkarte sondern wartete auf den Mann, der wie zu Hause in Rakka immer mit den Tickets kommt. Ich freute mich, dass kein Mann kam und der Zug hier offenbar kostenlos sein musste. Dummerweise überprüfte ich diese Annahme nicht, weswegen ich einige Zeit später eine spannende Begegnung mit einem Kontrolleur hatte. Der wollte mir keine Einzelfahrt verkaufen, sondern 60 Euro kassieren. Wem so etwas passiert, der hat in München zwei Optionen: Entweder man hat einen dicken Geldbeutel - oder schnelle Beine.

Eigentlich möchte man meinen, dass man die Beinmuskeln entspannen darf, wenn man Bahn fährt. In Deutschland trifft das aber nicht wirklich zu - oft sind die Abteile so voll, dass man selbst bei längeren S-Bahn-Fahrten steht, bis einem die Beine weh tun. In meiner früheren Heimat Rakka waren die Passagiere nicht so eng gedrängt, dafür wurde dort in der Bahn gesprochen. In eine Münchner U-Bahn darf man zwar quetschen, aber auf keinen Fall quatschen, zumindest nicht laut. Die Menschen, die in ihr Handy schauen, fühlen sich sonst gestört und sehen einen böse an.

Die Münchner mögen es nicht, beim U-Bahnfahren überrascht zu werden. Wenn doch etwas unvorhergesehenes passiert, dann sind die Passagiere überfordert. Als das Kind in den Spalt rutschte, da wussten die Leute nicht, was sie tun sollten, so etwas ist man hier nicht gewohnt. Es war noch dazu unglücklich, weil sich das Ganze im hintersten Wagen ereignete, so dass der Weg zum Führerhäuschen besonders weit war.

In Syrien passieren beim Bus- und Bahnfahren oft unvorhergesehene Dinge, mal wird ein Bus gestoppt und Leute verhaftet, ab und zu fährt ein Zug auch einfach nicht mehr weiter. Als syrischer Journalist muss man in Zeiten wie diesen flexibel sein, ich bin da also einiges gewohnt. Das Kind war zu weit nach unten gerutscht, um es zu fassen. Also packte ich meine Laptop-Tasche und rannte so schnell ich konnte den Bahnsteig entlang. Ich hatte das Fahrerhaus noch nicht erreicht und schrie "Stop! Stop!", aber der Fahrer hört mich nicht. "Bitte zurückbleiben", tönte es aus einem Lautsprecher, ich wusste, was das heißt, und erhöhte die Schrittfrequenz. Meine schwarze Tasche wirbelte hinter mir her.

Was dann geschah, spricht besonders gut dafür, wie neu die Konfrontation mit Flüchtlingen wie mir für viele Münchner immer noch ist. Die Leute im Zug und am Bahnsteig sahen einen dunkelhäutigen Mann mit Tasche, der rannte und schrie. Ich erkannte die Angst in ihren Gesichtern. Einige sahen so aus, als wollten sie am liebsten aussteigen und weglaufen - aber sie konnten nicht, weil die Türen gerade zugegangen waren.

Die verängstigten Minen waren in diesem Moment aber zweitrangig, es ging um ein Menschenleben. Als ich beim Fahrer ankam, schleuderte ich meine Tasche an seine Tür. Endlich bemerkte er mich - er hob die Hände, wie wenn man sich ergibt. Ein wildgewordener Araber mit einem schwarzen Koffer - ich will gar nicht wissen, was der U-Bahn-Fahrer gedacht hat, als er die Fahrertür öffnete. Als ich ihm erklärte, was passiert war, seufzte er erleichtert und schaltete die Elektronik aus. Zurück am Unglücksort holte einer das Kind aus dem Spalt. Die Mutter weinte noch, aber jetzt vor Freude.

Mitarbeit: koei

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.