4. Juni 2018, 21:46 Laim Im "Edeltraud" trifft sich die Welt

Stephanie Olbrich hat in Laim ein lebendiges Begegnungszentrum für die deutsche Sprache und Kultur geschaffen. Zugereiste aus aller Herren Länder nutzen es zu gemeinsamen Aktivitäten. Einzige Bedingung: Konversation ausschließlich auf Deutsch

Von Andrea Schlaier

Punkt 10.30 Uhr springt Stephanie Olbrich auf von ihrem Schreibtischstuhl, einem in rot-schwarzem Kunststoff-Karo überzogenen Küchenstühlchen aus den 60ern. Im Stehen zieht sie noch schnell auf dem kleinen Holztisch, ihrem Arbeitsplatz, den geöffneten Laptop zu sich her, klickt auf ein Programm und zack, springt zimmerlaut cooler Bar-Jazz an. Im selben Moment fliegen die Tür hinter ihr und eine zweite zum Innenhof des geduckten Behelfsbaus auf. Herein drängen in den kleinen Raum mit Mikro-Büro, Küchenzeile, Riesen-Kühlschrank und Regal voller Kladden erstaunlich viele Menschen. Sie brühen sich Kaffee am schwarzen Automaten auf der Anrichte, um danach mit der Tasse in der Hand auf Stephanie Olbrich einzureden - alle auf Deutsch, aber mit so vielen unterschiedlichen Akzenten, wie Personen im Raum sind. Die umzingelte Chefin mit der ungestümen Lockenpracht und dem Nasenpiercing zieht lachend die Schultern hoch: "In der Pause kann ich mir nichts anderes vornehmen. Da geht's hier zu wie in einer italienischen Café-Bar."

Und das, obwohl sich der Name dieser kleinen Welt anhört wie der einer überkorrekten, resoluten Endsechzigerin: Edeltraud. "Wir brauchten was, das ein bisschen privat und für jeden auf der Welt deutsch klingt", sagt Olbrich und lächelt. "Meine Großmutter hieß auch so; deshalb kam ich erst drauf." Die "Edeltraud" in Laim jedenfalls steht für ein urbanes, weltoffenes Begegnungszentrum, in dem deutsche Sprache und Kultur lebenstauglich vermittelt werden. Seit Februar erstmals auch in einem eigenen Domizil, dem Flachbau an der Camerloherstraße 56, in Sicht- und Hörweite zur Fürstenrieder Straße. Träger ist der Verein Deutschzentrum München, dessen Vorsitzende Stephanie Olbrich ist, Münchnerin, studierte Gymnasiallehrerin für Deutsch und evangelische Religion sowie erfahrene Pädagogin für Deutsch als Fremdsprache (DAF). Sprache und Kultur, das ist ihre feste Überzeugung, vermittelten sich am besten durch gemeinsame Aktivitäten. Die tatkräftige Mittdreißigerin spricht von "positiver Integration".

Auch Angestellte, die von ihrem Arbeitgeber für begrenzte Zeit an die Isar geschickt werden, aber auch Studentinnen, Berufstätige und Arbeitssuchende profitieren vom Begegnungszentrum an der Camerloherstraße 56.

(Foto: Robert Haas)

Deshalb eröffnete sie im Mai 2017 innerhalb eines einschlägigen Portals im Internet eine Angebotsplattform für gemeinsame Unternehmungen unter dem Label "German Conversation Club Munich". Zugereiste aus aller Menschen Länder können sich dort seither melden, um gemeinsam zu lesen (Meet & Read), einen Film anzuschauen, Spieleabende zu verbringen oder gemeinsame Ausflüge in München und in die nähere Umgebung zu machen. Einzige Bedingung: Konversation ausschließlich auf Deutsch.

Der Zulauf ist gewaltig. Innerhalb eines Jahres ist diese Gruppe auf knapp 3500 Menschen angewachsen. Meltem, eine Architektin aus Ankara, strahlte Stephanie Olbrich nach einem Ausflug an den Ammersee unlängst an: "Ihr habt wirklich eine Community gebaut!" Großes Interesse an den Angeboten zeigen sogenannte Expats, also Angestellte, die von ihrem Arbeitgeber für begrenzte Zeit ins Ausland geschickt werden, aber auch Studentinnen, Berufstätige und Arbeitssuchende aus der ganzen Welt, die an die Isar gezogen sind. "Etliche aus EU-Ländern, die hier arbeiten wollen, bekommen keine Integrationskurse bezahlt, fallen aus der Förderung raus, wollen aber trotzdem Deutsch lernen", erzählt die junge Macherin. Auch für diese werden explizit Sprachkurse angeboten. Über die Einkünfte finanziert sich der Verein als Non-Profit-Unternehmen. Olbrich liegt einiges an der gesellschaftspolitischen Relevanz ihres Netzwerks. Sie spricht von einem Akt der Selbstermächtigung: "Zu Hause haben die Leute einiges zerrissen und sagen, daheim war ich was. Hier bin ich nichts!"

Kurse und wöchentliche Programme finden im insgesamt etwa 125 Quadratmeter großen Edeltraud-Haus in Laim statt.

(Foto: Robert Haas)

Kurse und wöchentliche Programme finden im insgesamt etwa 125 Quadratmeter großen Edeltraud-Haus in Laim statt. So wie an diesem Vormittag. In der Mikro-Küche stehen Schüler aus Italien, Spanien, England, Amerika, der Türkei, aus Israel, China zusammen. Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen.

"Ich muss noch Geld zahlen", sagt eine große schlanke Frau mit dunklen, langen Haaren und nähert sich Stephanie Olbrich. Sie kramt ein paar Münzen aus ihrem Geldbeutel. Könnte für den Leseabend sein oder den jüngsten Kino-Treff. "Jedes Programm", erzählt die Vereinsvorsitzende, "kostet bei uns drei Euro". Wer will, kann auch selbst etwas anbieten, aber nur das, was er auch selbst gern macht. Die Initiatorin legt großen Wert auf Kontinuität. Wesentlich sei die Regelmäßigkeit, in der Veranstaltungen stattfinden. "Regelmäßigkeit bringt zwar kein Geld, aber die Leute wollen einen Ort, wo sie immer hingehen können, und wir wollen einen interkulturellen Begegnungsort in München schaffen." So kommen Berg-Touren zustande, der Cinematic Saturday, Yoga-Kurse, bei denen beiläufig die deutschen Bezeichnungen der Körperteile kennengelernt werden, ein pensionierter Münchner Kunstlehrer bietet Bastelkurse an.

"Im Projekt steckt auch sehr viel ehrenamtliche Arbeit und Herzblut", sagt Stephanie Olbrich. Einmal die Woche werden beim "Meet and Read" gemeinsam Bücher und Zeitungen gelesen. Unter anderem die "Känguru-Chroniken: Ansichten eines vorlauten Beuteltiers" von Marc-Uwe Kling. Eine Herausforderung, die assoziationsreichen, ironischen Dialoge über Politik, Medien und Schnapspralinen zu dechiffrieren, die ein Berliner Kleinkünstler mit einem kommunistischen Beuteltier führt.

Träger ist der Verein Deutschzentrum München, dessen Vorsitzende Stephanie Olbrich ist.

(Foto: Robert Haas)

Alle paar Wochen finden bei Edeltraud auch Konzerte und Ausstellungen von Künstlern statt, die von der Community generiert wurden: Gerade zeigt Şinasi Göktürkler eindringliche Porträts von Flüchtlingskindern auf den Straßen Istanbuls. "I feel less isolated since I've got the chance to come here", hat Julie aus England Stephanie Olbrich am Rande einer Veranstaltung anvertraut. Das ist vielleicht überhaupt das Geheimnis des Erfolgs des ganzen Projekts: "Wer regelmäßig herkommt, findet nicht nur Kontakt, sondern gewinnt Freunde, auch deutsche." München wird ein Zuhause.

Die Nachfrage ist immens. Deshalb hat der Trägerverein mit seinen zehn Mitgliedern und 15 Lehrkräften bereits eine Erweiterung beschlossen. Im Sommer startet Edeltraud, die zweite, in der Stadtmitte. Das Gewusel um die Vorsitzende wird dann auch außerhalb der Kurspausen nicht weniger werden. Es hat sich in ihrem flirrenden Kosmos in allen Sprachen herumgesprochen, was sie für die ganze Unternehmung ist. "Gute Fee" steht auf dem Button, den die 36-Jährige am Revers trägt.