20. April 2018, 10:58 Hartz IV "Ich bin ein Sammeltaxi für prekäre Lebenslagen"

Bettina Kenter verdiente als Schauspielerin und Synchronbuchautorin gut. Später musste sie von Hartz IV und der Tafel leben. Jetzt hat sie ein Buch über Armut und Ausgrenzung veröffentlicht.

Von Gerhard Fischer

Steve Martin dreht in der Komödie "Tote tragen keine Karos" immer dann durch, wenn er "Cleaning Woman" hört. Bettina Kenter dreht natürlich nicht durch, wenn sie "Jens Spahn" hört - aber viel fehlt nicht. Der CDU-Politiker hatte gesagt, in Deutschland gebe es keine Armut. "Das ist eine Unverschämtheit!", sagt sie. Das Wort Unverschämtheit zieht Kenter in die Länge: Uuuuunverschääääämt-heiiiit. "Ich empfehle Herrn Spahn ein mindestens achtmonatiges Hartz-IV- und Tafel-Praktikum."

Die Schauspielerin Bettina Kenter, 67, ist arm gewesen. Sie hat Hartz IV bekommen. Ist nicht essen gegangen. Nicht ins Kino. Hat Probleme gehabt, ihre Medikamente zu bezahlen. Im Jobcenter sei sie schlecht behandelt worden, sagt Kenter. Sie habe "horrende Erfahrungen" gemacht; diese hätten sie bewogen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Es geht in dieser Geschichte nicht nur um Bettina Kenter. Sie steht stellvertretend für andere, auch für andere Frauen in ihrem Beruf. "Ganz viele Schauspielerinnen über 40 sind betroffen - viele leben an der Armutsgrenze", sagt Kenter. "Aber sie sagen das nicht, weil es nicht auftragsfördernd ist - und dann habe ich mir gedacht: Dann sage ich es halt." Es müsse auch ein "MeToo der Armutsgeschändeten" geben.

Bettina Kenter war neulich auf der Leipziger Buchmesse; sie hat dort aus ihrem neuen Buch gelesen, es heißt "Heart's Fear. Hartz IV. Geschichten von Armut und Ausgrenzung". Es ist im linken Verlag "Neuer Weg" erschienen. Vorworte schrieben die Linke-Vorsitzende Katja Kipping und Fred Schirrmacher, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Sprecher der Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV.

Kenter sitzt in ihrer Wohnung in Germering. Sie ist eine sehr schlanke Frau. Ihr Alter sieht man ihr nicht an. Sie habe in Leipzig aus ihrem Buch gelesen und erzählt, wie es dazu kam, sagt Kenter. "Ich bin ja ein Sammeltaxi für prekäre Lebenslagen - ich war alleinerziehende Mutter, Schauspielerin, Freiberuflerin, habe mein Tätigkeitsfeld ständig erweitert, wurde Synchronsprecherin, freie Autorin, Synchronbuchautorin ... ."

Langsam. Was ist eine Synchronbuchautorin? "Man verfasst deutsche Dialogbücher - das heißt, dass man zum Beispiel englische Texte lippensynchron übersetzt, jeder Labial im Original muss auch im Deutschen ein Mundschluss sein und jeder Atmer und Laut muss penibel notiert werden." Das sei ein "hochkomplexes Handwerk". Labial ist übrigens ein Lippenlaut.

Bettina Kenter hat in den Neunzigerjahren vor allem als Synchronbuchautorin gearbeitet. "Aber dann kamen mehrere Sachen zusammen", sagt sie. Sachen, die sie schließlich dazu zwangen, Hartz IV zu beantragen. Zunächst war da die Kirch-Media-Pleite von 2002. Danach war es ganz schlecht mit Aufträgen. Und dann war sie fast fünf Jahre krank. Sie habe während dieser Zeit weder Krankengeld noch Arbeitslosengeld bekommen - sie erklärt auch, warum; es hatte mit ihrem Status als Freiberuflerin zu tun, aber es würde zu weit führen, alle Details zu nennen. Jedenfalls: "Nach zwei Jahren waren meine Rücklagen weg."

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Also Hartz IV. Für Bettina Kenter heißt das: Armut. In ihrem Buch schreibt sie: "Ich hab' kein Geld! Keinen Shopping-Schotter, keine Reise-Rücklagen, keine Piepen für Wellness, keine Kohle für Kino, keine Knete für Krapfen; kein Moos für den Cappuccino im Café, keinen Zaster für eine Halbe im Biergarten, keine Mäuse für Sprachkurs-Restaurantbesuche; keinen Cent für Druckerpatronen, keinen Euro für Mitbringsel, keine Kröten für Blumen. Den Elendsetat von 3,98 Euro für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke pro Tag kann ich nicht ausschöpfen, weil ich Medikamente kaufen muss. Und so gehe ich zur Tafel, weil das bisschen Scheißgeld selbst für Lebensmittel nicht reicht."

Vermutlich hatte Bettina Kenter nie gedacht, einmal arm zu sein. Sie wurde 1951 in Wiesbaden geboren, als Tochter der Schauspielerin Gertrud Jarand und des Regisseurs Heinz Dietrich Kenter. Nach dem Abitur besuchte sie eine Schauspielschule in Mailand und mit 19 stand sie am Piccolo Teatro in Mailand auf der Bühne. Es folgten "zehn gute Jahre als vollbeschäftigte Schauspielerin", sagt sie. Als Film- und Theaterschauspielerin.

Mitte der Siebzigerjahre war sie ein Dreivierteljahr in Australien, in der Nähe von Sydney, sie spielte die Tochter eines deutschen Einwanderers in der Serie "Firbecks neues Land", die auch in Deutschland zu sehen war. "Das war die Eröffnung des australischen Farbfernsehens", sagt sie. Peter Weir, der danach als Regisseur Weltkarriere machte, führte Regie. "In Australien war er damals schon berühmt."

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Als sie 30 war, kam die Tochter. "Und die Mama wollte beim Kind sein", sagt Bettina Kenter. Sie war von Anfang an alleinerziehend, in München habe es damals gerade mal eine Krippe gegeben. Also gab sie den Beruf vorübergehend auf und beantragte Sozialhilfe. "Das war auch nicht gemütlich, aber es war harmlos gegenüber Hartz IV", sagt sie.

Was ist schlimmer bei Hartz IV? "Gleich", sagt sie. Bettina Kenter will chronologisch erzählen. Die Tochter wurde größer, und Kenter wollte zurück in ihren Beruf als Schauspielerin. Aber das war schwierig. Über 40 werden die Frauenrollen rar. So wurde sie eben Synchronsprecherin, Synchronübersetzerin und Yogalehrerin. 2002 war sie als Yogalehrerin auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa.

Bettina Kenter macht eine Pause. Chronologisch nähert man sich in ihrem Leben der Zeit, als sie richtig arm geworden ist.

Also, was ist für sie bei Hartz IV schlimmer? Schlimmer als bei der Sozialhilfe? Man sieht, wie bei Bettina Kenter die Wut kommt. Der Körper spannt sich an, die Augen werden ein wenig kleiner, der Mund wird schmaler und die Ausdrücke werden deftiger, ungemein vorwurfsvoll, spöttisch, so richtig ironisch und, auch das, pathetisch. Hartz IV sei "eine Schreckenskammer der Gesellschaft", sagt sie. Und: "Ein mutiges Frauenleben in einer skrupellosen Gesellschaft kann nur, wie meines, mäandernd sein."

Hartz IV sei gut für Deutschland, sagen andere. Das Gesetz habe das Land fit gemacht. Kenter ist nur zornig. Sie reicht einen Packen Papiere über den Tisch. "Das war mein Hartz-IV-Antrag", sagt sie. "65 Seiten, mit Anlagen." Natürlich ist der Antrag dicker als bei anderen, weil Kenter oft freiberuflich gearbeitet hat. Aber trotzdem. 65 Seiten sind zu viel.

"Elf Wochen nach Antragstellung hatte ich immer noch kein Geld", sagt sie. Einmal habe ihr sogar der Bürgermeister ihre damaligen Wohnorts Puchheim geholfen, er habe beim Jobcenter nachgefragt. "Da hieß es dann, die Akten seien verschwunden gewesen." Sie verdreht die Augen.

"Eines der schlimmsten Dinge sind die Sanktionierungen", sagt sie. "Es ist in Deutschland undenkbar, dass einem mutmaßlichen Mörder vor einem rechtskräftigen Urteil das Essen entzogen wird - bei Hartz-IV-Beziehern geschieht das monatlich tausendfach." Das Ganze werde nur getan, um "Sanktionsquoten zu erfüllen, die von der Bundesagentur und Jobcentern teilweise vorgegeben werden, um Geld zu sparen und die Bedürftigen zu disziplinieren". Wegen dieser Sanktionspraxis seien schon Menschen in Deutschland verhungert. Kenter blickt dem Gesprächspartner in die Augen. Sie scheint sich zu fragen: Glaubt der das nicht?

"Es gab eine Reihe von Todesfällen", sagt sie, "da gab es einen behinderten Hartz-IV-Empfänger, der konnte sich nicht wehren - er ist verhungert, und seine Mutter ist halb verhungert."

Bettina Kenter ging zur Tafel, um Essen zu holen. "Tafeln sind eine Notwendigkeit", sagt sie, "aber das Recht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum wird dadurch zur Bettelarmut." Man fühle sich dort wie eine Almosenempfängerin.

Auch im Freundeskreis war es manchmal schwierig. Essen gehen? Geht leider nicht? Kino? Heute ist es schlecht. "Anfangs habe ich es noch verborgen, als ich arm war - aber dann habe ich gedacht: Wie komme ich dazu? Ich habe mein Geld doch nicht ins Wirtshaus getragen, ich habe ein Kind groß gezogen." Zu ihren Freunden habe sie gesagt: "Leute, wenn ihr mich dabei haben wollt, müsst ihr mich einladen."

Sie legt ihr Buch auf den Tisch, blättert darin. Auf Seite 28 steht ein Zitat des Armutsforschers Christoph Butterwege, der 2017 als Kandidat der Linkspartei bei der Bundespräsidenten-Wahl angetreten ist: "Hartz IV", schreibt er, sei ein "groß angelegtes Elitenprojekt, das der Öffentlichkeit trotz seiner privatwirtschaftlichen Provenienz und seiner neoliberalen Orientierung mit Hilfe der Hartz-Kommission als sachlich fundiertes Programm zur Verringerung der (Langzeit-)Erwerbslosigkeit präsentiert wurde."

Bettina Kenter klappt das Buch zu. Hartz IV, sagt sie, sei ein Geschenk für die Wirtschaft gewesen. "Gerhard Schröder hat ja gesagt, man habe damit einen der besten Niedriglohnsektoren Europas aufgebaut." Das sei der Zweck von Hartz IV gewesen.

Heute, mit 67, bekommt Kenter keine Rollen bei Film und Fernsehen. "Das Rollenverhältnis Frau zu Mann ist bei über 60-Jährigen etwa 1:8", sagt sie, "und das Trulla-Frauenbild hat sich seit 1975 kaum verändert."

Trotzdem geht es ihr heute sehr gut. "Ich bekomme jetzt Rente, ich bin wieder gesund, ich habe in den vergangenen Jahren viel Theater gespielt, ich ziehe mit meinem Ein-Frau-Theaterstück Hartz-Grusical durch die Lande, habe Lesungen mit meinem Buch und arbeite als Synchronschauspielerin - und ich bin jetzt verheiratet." Sie lacht. "Ja, es ist tatsächlich wichtig, dass ich verheiratet bin - sonst stünde ich heute immer noch an der Tafel." Jede dritte Frau in Europa könne allein von ihrem eigenen Einkommen nicht leben, und Altersarmut treffe vor allem Frauen.

Bettina Kenter hat 2015 geheiratet. Ihren Mann, einen Journalisten, hat sie auf einer Hartz-IV-Veranstaltung kennengelernt. Er schrieb darüber. "Aber, damit das klar ist", sagt sie, "meinen Mann habe ich einzig und allein aus Liebe geheiratet."

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