15. Juni 2012, 17:06 Boxcamp für straffällige Jugendliche Aufstehen nach dem K.o.

Jugendliche Gewalttäter boxen sich in eine bessere Zukunft: Vor zwei Jahren hat ein Kinofilm über die Work & Box Company im oberbayerischen Taufkirchen für Aufsehen gesorgt. Doch der erhoffte Boom für das hochgelobte Projekt blieb aus. Jetzt starten zwei der Initiatoren von einst neu durch.

Von Sebastian Ehm

Die Sonne scheint durch die Fenster auf den leeren Boxring. Handschuhe liegen auf dem Boden, Handtücher hängen zum Trocknen über den Seilen. Davor ist ein kleines Fußballfeld mit aufgemalten Toren an der Wand. An den geräumigen Sportraum grenzen die Büros der Angestellten.

Cengiz Yüksel in der Work & Box Company in Taufkirchen: Mitte Mai wurde ein neuer Standort in Stuttgart eröffnet.

(Foto: Sebastian Ehm)

Es ist eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre an diesem frühen Nachmittag. Nichts deutet darauf hin, dass hier gewalttätige Jugendliche ein und aus gehen. Jugendliche, die schon in jungen Jahren so brutal auffällig geworden sind, dass sie eigentlich länger in den Jugendknast müssten. Viele entscheiden sich stattdessen lieber für die Work & Box Company in Taufkirchen.

Sie gehört zur gemeinnützigen Hand In AG, die sich für die Re-Integration von gewalttätigen Jugendlichen einsetzt. Beim Boxen sollen sie sich mit ihrer Gewaltbereitschaft auseinandersetzen. "Es geht hier nicht um Aggressionsbewältigung, sondern darum, in Stresssituationen einen Standpunkt einzunehmen", sagt der Vorsitzende Jürgen Zenkel.

Er nennt sie nur liebevoll seine "Jungs". Die Jugendlichen erhalten neben der sportlichen Betreuung und Schulbildung auch einen Einblick in die Berufswelt. Meistens durch Praktika. So sollen sie langsam an ein normales Leben herangeführt werden.

Im Moment sind alle unterwegs und verrichten die Aufgaben, die ihnen am Morgen aufgetragen wurden. Nur Cengizhan Yüksel ist hier. Der 25-Jährige hat die Work & Box Company schon vor acht Jahren abgeschlossen und macht hier nun ein Praktikum. Er sitzt im Konferenzraum und spricht über die Vergangenheit. Dem Mann wollte er eigentlich nicht in den Kopf schießen, meint Cengiz. Er weiß auch nicht warum er plötzlich damit aus dem Fenster schießen musste. Die Mütze, die sein Opfer trug, verhinderte, dass die kleine Silberkugel aus dem Luftgewehr zum tödlichen Geschoss wurde.

Es war eine von vielen Taten im Strafregister von Cengiz. Körperverletzung, Waffenbesitz, Drogenhandel. Am Ende stand Stadelheim. Noch vor dem 18. Lebensjahr war er vier Monate im Jugendknast bis ihn sein Onkel auf Kaution herausholte. Doch wie konnte es so weit kommen? "Mein Vater war Alkoholiker und hat mich oft verprügelt", meint Cengiz heute. Deswegen sei er auch selten zuhause gewesen. So kam er früh mit den falschen Personen in Kontakt.

Es ist die klassische Story für Jugendliche, die hier landen. "Die Jungs sind teilweise komplett durch, wenn sie hier ankommen", meint Jürgen Zenkel. Cengiz war ein ganzes Jahr in der Work & Box Company. Der 25-Jährige hat sein Leben in den Griff bekommen.

Jetzt will Cengiz etwas mit den Jugendlichen machen. Eine Arbeit als Streetworker könnte er sich gut vorstellen. So ähnlich wie Rupert Voss und Werner Makella - die beiden Initiatoren des Projekts. "Das waren Vaterfiguren und Vorbilder für mich", sagt Cengiz. Er spricht mit großem Respekt von den beiden. "Es ehrt einen natürlich, wenn die Jugendlichen einen so sehen", sagt Rupert Voss. Er selbst will aber keine Vaterfigur sein, eher ein Mentor.

Wie die Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen in der Work & Box Company genau aussieht, kann man eindrucksvoll in einem Kinofilm sehen. Im Jahr 2010 kam "Friedensschlag - das Jahr der Entscheidung" in die Kinos. Der Film wurde auf der Berlinale gezeigt und bekam gute Kritiken. Bei Hand In waren die Erwartungen enorm. "Uns wurde von der Produktionsfirma damals ein Boom vorausgesagt - wir haben erwartet, dass uns viele Städte kontaktieren und das Projekt bei sich auch aufbauen wollen", erinnert sich Werner Makella. Man traf die Vorbereitungen für eine Expansion des Geschäftsmodells. Kredite wurden aufgenommen, neue Leute eingestellt.

"Jeder von uns dachte, dass es mit dem Film richtig nach vorne geht", sagt Jürgen Zenkel. Nach jahrelanger Arbeit war endlich die Chance da, das Projekt bundesweit bekannt zu machen. Aber es wurde nichts daraus. Der Boom blieb aus. Für alle Beteiligten eine riesige Enttäuschung. "Wir haben sehr viel Zeit in den Film und das Projekt gesteckt, das hätte einfach mehr Erfolg haben müssen", meint Rupert Voss. Die ganzen Vorbereitungen waren umsonst.

"Ich hatte das Gefühl, dass sich damals sich nur Journalisten den Film angeschaut haben", sagt Jürgen Zenkel heute. Werner Makella hat sich nicht lange danach anderen Aufgaben zugewandt. Er arbeitet jetzt als Lehrer. Rupert Voss und Jürgen Zenkel hingegen sind Hand In treu geblieben. Voss im Aufsichtsrat, Zenkel als Vorstand.

Jürgen Zenkel wirkt wegen des ausgebliebenen Erfolgs des Films zwar immer noch etwas zerknirscht, scheint aber seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht zu haben. Das gleiche gilt für Rupert Voss. Er arbeitet heute nicht mehr direkt mit den Jugendlichen, versucht aber verstärkt das Konzept der Work & Box Company in Deutschland zu etablieren. Nach dem Film hat er weiter versucht, das Projekt an anderen Standorten zu etablieren. Es hat zwar viel länger gedauert als gedacht. Aber dann kam doch noch ein Erfolgserlebnis.

Mitte Mai hat endlich der zweite deutsche Standort in Stuttgart eröffnet. Das sei viel Arbeit gewesen, meint Rupert Voss. "Ich hoffe sehr, dass das erst der Anfang war." Voss ist zuversichtlich, dass bald neben Taufkirchen und Stuttgart und der Schweiz, wo es schon seit drei Jahren einen Ableger der Work & Box Company gibt, noch eine vierte Filiale installiert werden kann. Wo das sein wird, will er allerdings noch nicht sagen.

In der Work & Box Company in Taufkirchen merkt man auf den ersten Blick nicht viel von der Neueröffnung. Hier hat man andere Sorgen. "Nächste Woche bekommen wir wieder einen Jugendlichen mit zwei Jahren Bewährung", sagt Jürgen Zenkel. Auch das wird wieder eine Herausforderung. Aber das sind sie bei der Work & Box Company gewohnt. Das ist Alltag in Taufkirchen. So ruhig wie an diesem Nachmittag ist es ohnehin selten.