Reptilienforscher Ulrich Gruber Froschfigur im Lotossitz

Im Garten krabbeln Schildkröten, im Haus wachen Tibet-Statuen: Ulrich Gruber, der ehemalige Sektionsleiter der Zoologischen Staatssammlung, hat zwei Leben. Eins gehört den Lurchen.

Von Marlene Weiss

Räumlich sind die zwei Leben des Ulrich Gruber klar getrennt. In seinem Garten in Dietramszell krabbeln die Schildkröten des Forschers Gruber, Sektionsleiter der Zoologischen Staatssammlung München a.D. und Autor zahlreicher Amphibien- und Reptilienführer. Im Haus dagegen wachen Buddha-Statuen und tibetische Gottheiten über das Wohl des Himalaya-Reisenden Gruber. Nur eine Froschfigur im Lotossitz erinnert daran, dass hier einer der führenden Herpetologen Deutschlands wohnt, wie man Forscher von Lurchen und Kriechtieren nennt.

Ein Leben für die Schildkröten: Ulrich Gruber mag die Tiere, die seinen Garten bewachen. Aus einem Grund: "Sie sind so anpassungsfähig."

(Foto: region.wor)

Der sitzt derweil auf neutralem Terrain auf der Veranda und denkt über sein Abenteurerleben nach. Eine ungewohnte Tätigkeit; so herumsitzen, das ist seine Sache nicht. Kürzlich hat der 78-Jährige eine Reisegruppe durch Darjeeling, Sikkim und Bhutan geführt, bald fährt er zum Klassentreffen nach Nordhessen, dazwischen hält er Vorträge und kümmert sich um seinen Verein, die "Freunde Nepals".

Sich selbst stellt er bei all dem ungern in den Vordergrund. "Ach, ich habe doch immer nur getan, was zu tun war", wiegelt er ab. Aber dann räumt er doch ein: "Eigentlich habe ich schon viel erlebt." Mit Ende zwanzig ging er nach dem Biologie- und Geographiestudium als Gehilfe eines Kartographen nach Nepal. Nach drei Monaten war die Arbeit beendet, und der Chef sagte: "Ich lasse dir die Reisekasse da, bleib, bis das Geld alle ist." Und Gruber blieb, eineinhalb Jahre lang, erforschte auf dem Dach der Welt Bergmäuse und lernte Nepalesisch.

Als er 1961 zurück nach Deutschland kam, war es doppelt um ihn geschehen. Der Himalaya war zu seiner zweiten Heimat geworden - und noch aus dem Zelt heraus hatte er seiner Freundin Margarethe einen schriftlichen Heiratsantrag gemacht. Beide sind bis heute in seinem Leben geblieben. Nur den Mäusen wurde er untreu: Nach der Promotion wechselte er zur Herpetologie. Erst, weil es da eine Stelle gab, aber Reptilien und Lurche wurden zu seiner zweiten Leidenschaft.

Die Schildkröte im Garten zieht kaum den Kopf ein, als Gruber sie hochhebt. Etwa 90 Jahre alt ist sie. Was findet er an den Kriechtieren? "Sie sind so anpassungsfähig", sagt Gruber, "sie besiedeln jeden Lebensraum!" Gruber selbst hat vor rund 40 Jahren in Dietramszell Wurzeln geschlagen. Drei Kinder haben die Grubers hier großgezogen, zwei Söhne und Dolma, eine Adoptivtochter, deren leibliche Eltern aus Tibet stammen.

Lange hielt es Gruber jedoch nie in der Idylle. Alle paar Monate war er im Himalaya, mehrfach mit Frau und Kindern. Mal waren es Forschungsreisen auf den Spuren der Kröten und Schlangen, mal führte er Trekkinggruppen durch die damals touristisch noch völlig unerschlossenen Gebiete. Ganz entspannt waren die Reisen freilich nicht immer: Einmal sei er mit seiner Frau fast in ein Camp tibetischer Guerillatruppen hineingestolpert, 1973 war das. "Jetzt heißt es verdünnisieren", habe er gesagt, und weg waren sie.

"Man kann mit ihm einfach nicht streiten", sagt Joachim Caspary. Seit mehr als 30 Jahren sind die beiden befreundet. 1978 gründeten sie den Verein der Freunde Nepals, seither ist Gruber Präsident, Caspary Geschäftsführer. "Er will seit Jahren zurücktreten", sagt Caspary, "aber wir finden keinen anderen, der das so gut macht." Aufgaben auszuschlagen fällt Gruber schwer. So kam er zum Vorsitz des Vereins für das Schutzgebiet Zellbachtal und erstellte Wanderkarten für die Region Dietramszell. Während der Laichzeit in März und April trug er auch heuer nächtelang Kröten über die Straße, damit diese gefahrlos ihren Weiher erreichen. Nebenbei dokumentierte er die Populationsentwicklung: "Die Neugier hört nie auf", sagt der Wissenschaftler.

Jetzt soll langsam Schluss sein: Das Naturschutzgebiet ist erstritten, die Wanderkarten sind längst gedruckt. Inzwischen ist Ulrich Gruber nicht mehr ganz so fit wie früher. "Ich kugel' immer noch gerne in den Bergen herum", sagt er, aber die Skitouren hat er aufgegeben - statt Trekkingtouren führt er jetzt Kulturreisen. Nachdenklich schaut er dem Enkel beim Herumtollen im Garten zu. "Den Kleinen aufwachsen zu sehen ist mir jetzt wichtiger", sagt er.