Bluessänger Willy Michl Ein urbayerischer Indianer

Bluessänger Willy Michl nennt sich "Sound of Thunder" und lebt in einer Wohnung, die wie ein Tipi gestaltet ist. An diesem Freitag wird der Isarindianer 60 Jahre alt.

Von Michael Ruhland

Eine dünne Rauchsäule steigt hinter der Bühne auf. Ab und an verteilt eine kühle Isar-Brise das kräftige, süßlich Aroma über die Köpfe der Konzertbesucher. Während Willy Michl auf dem Balkon der Corneliusbrücke sich und seine Zuhörer langsam in Bluesstimmung versetzt, glimmt in einer Metallschale ein getrockneter Buschen Salbei. "Das hält die negativen Geister ab", erklärt der Sänger in einer Konzertpause.

Münchens einziger Isarindianer: Willy Michl feiert am Freitag seinen 60. Geburtstag.

(Foto: sz.lokales)

Es ist ein Konzert, das Willy Michl der Familie des verstorbenen Karli Dankert gewidmet hat, einem Vater, der drei Wochen zuvor sein Kleinkind aus der Isar retten wollte und dabei ertrank. "Mit dem Rauch waschen wir uns, es ist eine Art Reinigungsprozess", sagt Michl. "Das ist indianisches Denken."

Gestatten: Willy Michl, Isarindianer. Der Mann, der seit Jahrzehnten mit gefranstem Lederhemd, Lendenschurz, Leggins, Mokassins und Knochenhalsband durch die Stadt läuft, verstört viele erst einmal ob seiner Erscheinung. Macht da einer auf Show? Ist das pure Provokation in einer Welt, in der sich schon Neunjährige mit ihren Eltern über Markenklamotten streiten? Die Antwort fällt eindeutig aus: Nein, es ist keine Show, es ist auch keine Provokation. Es ist authentisch. Willy Michl ist Urbayer und dennoch in seinem Denken und Fühlen Indianer.

Wer Willy Michl und seine Frau Cora in München-Solln besucht, ist erst einmal irritiert. Man hatte ein verwunschenes kleines Häuschen erwartet. Das dreistöckige Mietshaus aus den siebziger Jahren will so gar nicht zu einem Indianer passen. Immerhin gibt es viel Grün rund herum. Auf dem Klingelschild steht SOT, Sound of Thunder, Michls indianischer Name. Mit der Wohnungstür öffnet sich dann ein anderer Kosmos.

Der große Raum, zugleich Wohn- und Schlafstätte, ist wie ein Tipi gestaltet. Mehrere dünne Fichtenstämme - ehemalige Christbäume - stehen herum. Sie sind behängt mit Federn, Adlerkrallen und Schmuck. Im offenen Kamin prasseln Holzscheite, in den Fußboden sind Isarkiesel eingemauert. Die hat Michl in der Nähe der Münchner Mariannenbrücke gesammelt. Dort wuchs er als Kind auf.

Der Bluessänger hockt im Schneidersitz auf einem Lehnstuhl aus Weidenholz. Um die rundlichen Hüften hat er ein kobaltblaues, gebatiktes Tuch geschwungen, darauf sind Delphinmotive zu sehen. Der Oberkörper steckt in einem weißes Nylon-Muskelshirt. Willy wirkt sehr entspannt. Er streut Kopal, ein Baumharz, über Glutbrocken in einer gusseisernen Schale, der Rauch benebelt einem die Sinne. "Ich bin kein indigener Mensch", sagt er, "kein Lakota oder Komantsche. Aber ich hab' mich immer schon mit den indigenen Völkern solidarisiert. Also bin ich ein Indianer."

Eine Frage der Einstellung, nicht der Herkunft. Ist ein Willy Michl also auch im Anzug denkbar? Ja, sagt er. Er würde wohl sehr darunter leiden, kein Lederhemd mehr zu tragen, und in Lackschuhen würde er sich fremd vorkommen.

Und dann sagt Willy Michl, der an diesem Freitag 60 Jahre alt wird, Sätze, die vielleicht der Schlüssel zu seinem Lebensmodell sind. "Wenn man irgendetwas lernen kann im Leben, dann ist es, Kind zu bleiben. Ich habe mir durch mein Handeln meine Kindheit bewahrt. Deswegen mögen mich viele Leute."

"Das ist geile Musik"

Freunde hat sich der Gitarrist und Sänger aber vor allem durch seine Musik geschaffen. 1976 titelte das Feuilleton der Abendzeitung: "Nicht nur die Hamburger haben eine Musik-Szene: Der bayerische Udo Lindenberg ist da!" 26 war Willy Michl damals und hatte gerade seine vierte Platte herausgebracht. Er stand für eine neue Art bayerischer Musik. Er versuchte - analog zur schwarzen Soul-Musik - das Lebensgefühl in seinen Liedern auszudrücken.

Als Kind hatte er die Musik der amerikanischen Besatzungssoldaten aufgesogen. Rock'n'Roll, Soul, Jazz und Blues. Als Jugendlicher hörte er AFN und kam an Tonbänder mit den alten Bluesgrößen wie Howlin' Wolf und Big Bill Broonzy. "Ich merkte: Das ist geile Musik", erzählt er.

Willy Michl hatte schnell Erfolg mit seinem bayerischen Blues. Folklore klang bei ihm nicht volkstümelnd, sondern tiefgründig. In seinem Stammlokal Drehleier in der Balanstraße, im "Marienkäfer" und im Jazzclub Domicile in Schwabing feierten ihn die Fans bald als den Bluesbarden. 1979 erschien sein vielleicht bestes Album "Ois is Blues". 1982 verlieh ihm die Stadt den Schwabinger Kunstpreis.

Dreißig Jahre später kennen ihn nur noch die wenigsten (überwiegend jungen) Konzertbesucher auf dem Isarbalkon der Corneliusbrücke.

Sein Blues kommt aber immer noch an, er ist schnörkellos und kräftig wie ehedem. Und als Willy Michl, der Isarindianer, Tabak für die Geister opfert und das Große Geheimnis um Beistand für die Familie Dankert bittet, lacht keiner. Für einen Moment entsteht eine fast andächtige Stille.