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175. Wiesn:Oktoberfest-Originale

Kennen Sie den Mann, der die Illusion der Hinrichtung auf die Wiesn brachte oder dieses kraftvolle Prachtexemplar - schon vor über 100 Jahren hatte das Oktoberfest seine Originale.

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Kopf ab - und dann eine Maß

Dieser Schlachtruf gilt hierzulande noch heute als Synonym für einen Besuch auf dem Oktoberfest: "Auf geht's beim Schichtl" Nur allzu oft ist so ein Ausflug mit dem Wunsch verbunden, sich erst einmal fachgerecht den Kopf abschlagen zu lassen und anschließend eine kühle Maß Bier in einem der Festzelte zu genießen. Der Mann, der die Illusion der Hinrichtung als Volksbelustigung auf die Wiesn gebracht hat, heißt Michael August Schichtl.

Geboren wird er 1851 in München als jüngster Spross von Ignatz Schichtl und seiner Frau Barbara, die, so wollen es die Quellen wissen, bereits damals schon ein Wandertheater betreiben. Michael August Schichtl wächst in dieses Unternehmen hinein, wenngleich er zunächst das Korbmacherhandwerk erlernt. Doch weitaus mehr scheint ihn die Salonmagierausbildung seines Bruders Franz August, genannt Xaver, zu faszinieren.

Von diesem Bruder schaut sich Michael August allerlei Tricks ab, darunter auch den wohl berühmtesten, die "Enthauptung einer lebenden Person", die Franz August bereits 1875 in seinem Programm zeigt. Zu dieser Zeit jedoch sorgen die Gebrüder Schichtl mit ihrem "Zaubertheater" für Furore, mit dem sie sich erstmals 1869 in München präsentiert hatten. Von 1879 an scheinen sich jedoch die geschäftlichen Wege der Brüder zu trennen.

Michael August Schichtl wird jedenfalls von diesem Zeitpunkt an als alleiniger Besitzer eines Theater geführt. Er heiratet im selben Jahr Eleonore Karl, die Tochter einer "Seiltänzersfrau", und investiert zunächst 58 Pfennig in ein Kasperltheater.

Als die Geschäfte immer besser laufen, erweitert er 1886 sein Figurenkabinett um die berühmten Kunstfiguren des Tiroler Mechanikers Christian Josef Tschuggmall. Jahrelang sollen diese durch Federmechanismen frei beweglichen "Automaten" oder von einem Standpunkt abhängigen "Androiden" die Hauptattraktion in Schichtls Programm bleiben. Reste dieses Fundus sind noch heute im Puppentheatermuseum zu sehen.

Sein Programm lässt der Theaterdirektor schon damals von einer eigenen Kapelle in Uniform musikalisch begleiten. Er selbst tritt vor allem als Zauberer und Magier auf. Aber es gibt auch Geistererscheinungen, lebende Bilder, Tänze, Pantomimen, Nebelbilderprojektionen, ein Theatrum mundi oder auch artistische Darbietungen. Schichtl rekrutiert seine Künstler teilweise aus der eigenen Familie. So mimt die Tochter Wilhelmine, die Eleonore mit in die Ehe gebracht hat und die nur Johanna genannt wird, gleich drei Künstler: "Miss Tara", "Miss Eugenie" oder auch "Miss Wanda, Königin der Lüfte".

Das Theater zieht durch ganz Süd- und Mitteldeutschland und bezieht im Winter Quartier in München-Sendling. Weil Schichtl seine Artisten in dieser Zeit nicht, wie sonst üblich, entlässt, sondern durchfüttert, nennt man ihn alsbald "Papa Schichtl".

Doch als letzte Station vor der Winterpause steht bei den Schichtls immer das Oktoberfest auf dem Programm. Nur hier präsentiert sich Schichtl als Schmierendirektor mit Zylinder, rotem Haar, geschminktem Gesicht, in rotem Frack mit weißer Weste und einer Virginia-Zigarre. Bei dieser Parade, die er sogar zur eigenen Kunstform entwickelt, lockt er zunächst eine halbe Stunde lang Zuschauer mit ausgesuchten Grobheiten und Scherzen an.

In der Vorstellung bekommen sie dann die schwergewichtige Frau Direktor zu sehen, die einen "Serpentin- und Flammentanz" aufführt, dann den Zwerg Anton Stumpf, der den unmusikalischen Tambourmajor "Stopsel" gibt und in einer Illusionsnummer von der Bühne auf die Galerie geschossen wird; oder den "Dummen August", der nicht nur dem Schichtl Widerrede gibt, sondern diesem auch bei der "Enthauptung mittels Guillotine" assistiert - zweifelsohne dem Höhepunkt des Programms, das noch heute viele Menschen auf die Wiesn lockt.

1907 ereilt Schichtl ein schwerer Schlag, von dem er sich nicht mehr erholen soll: Seine einzige leibliche Tochter Mariele stirbt im Alter von 13 Jahren. Im Februar 1911 stirbt auch er. Seine Witwe führt das Geschäft noch bis kurz nach dem Oktoberfest, dann verkauft sie es für 600 Mark an Johann Eichelsdörfer.

Text: Astrid Becker Foto: Stadtmuseum

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Der Karussell-König

Man nennt ihn den "Karussellkönig". Als solcher prägt Hugo Haase auch das Oktoberfest um 1900, obwohl er kein Münchner ist und sein Unternehmen in Roßla am Harz und später in Hannover angesiedelt ist. 1902 beispielsweise kommt er mit einem Karussellpalast auf die Wiesn, dessen Fassade das Münchner Stadtmuseum in seinem Katalog zum 175-jährigen Bestehen des Oktoberfests zum "Tollsten" rechnet, was es je auf dem Schaustellersektor gegeben hat.

Von weitem sieht das Karussell aus wie ein verspieltes Rokokoschlösschen. Den Eingang zur Kasse flankieren zwei große Frauengestalten mit Harfe und Lyra, darüber ziehen zwei springende Löwen einen Wagen, gelenkt von einem Fackelträger in Siegerpose. Gekrönt wird das Triumphgespann von einem die Schwingen weit ausbreitenden Adler.

Aus mächtigen Orgelpfeifen erklingt Musik, und gleich zweimal sieht man die gewaltige Figur des Recken Siegfried, furchtlos den Drachen bekämpfend.

Solch spektakuläre Vergnügungspaläste sind Haases Spezialität. Haase gehört stets zu den Ersten, wenn es gilt, die technischen Errungenschaften des Zeitalters zu nutzen. Als 1901 die städtischen Elektrizitätswerke erstmals Strom für das Oktoberfest liefern, wird Haases mit raffinierten Lichteffekten ausgestatteter "Juwelen Palast" zur vielbestaunten Attraktion.

An der Entwicklung moderner Karussells ist der umtriebige Unternehmer maßgeblich beteiligt. In früheren Zeiten brachten starke Männer oder Pferde die Ringelspiele in Schwung. Haase aber nutzt die elektrische Energie als Antriebskraft. Auf dem Oktoberfest 1902 präsentiert er seine "Erste & einzig existierende Berg & Thal-Bahn" sowie ein "Dampf-Schiff-Caroussell" - beide angetrieben mit elektrischem Strom, den zwei 30-PS-Gasmotoren liefern.

Auch der bayerische Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig III., ist beeindruckt, als er die "Elektrische Kraftübertragungsstation" bei ihrer Premiere besichtigt. Mit dem Einsatz elektrischer Energie revolutionieren Männer wie Haase das bis dahin behäbige Karussellwesen. Es geht immer höher, immer schneller, immer toller.

Hugo Haase wird am 1. Juni 1857 in Winsen an der Luhe (Niedersachsen) als Sohn eines Kapellmeisters geboren. Er absolviert eine Schlosserlehre und verdingt sich nach einigem Hin und Her bei einer Maschinenfabrik, die auch Karussells konstruiert. Entscheidend für seine weitere Laufbahn ist, dass er Mitte der 1880er als Werkmeister der Maschinenfabrik Hövermann & Jürgens den Auftrag erhält, für einen Hamburger Fabrikanten ein Schiffskarussell zu bauen. Dabei erwirbt Haase das Wissen, das ihn befähigt, sich 1887 in Roßla als "Ingenieur und Dampf-Schiff-Carousell-Fabrikant" niederzulassen.

Das Unternehmen floriert. In Roßla wird alles gebaut, was Rummelplatzbesucher zu einem Spielball physikalischer Kräfte macht. Autoskooter zum Beispiel, die in den USA entwickelte Probebühne für Crashfahrer. Aber auch Berg- und Talbahnen, die "Raketenfahrt zum Mond", Tobbogans "mit Rolltreppe" oder Zeppeline, die in sieben Metern Höhe eine festliche illuminierte Erdkugel umkreisen.

Wie bedeutend Haase für das damalige Schaustellergeschäft ist, lässt sich einem zeitgenössischen Zeitungsartikel entnehmen, den Darijana Hahn in ihrem Buch über den Karussellkönig zitiert: "Es ist gleichgültig, ob man an das Cannstatter Volksfest, das Münchner Oktoberfest, die Dresdner Vogelwiese, den Hamburger Dom oder sonst ein großes Volksfest denkt, sobald von Vergnügungsunternehmungen die Rede ist, dann taucht sofort der Name Hugo Haase auf."

Hugo Haase stirbt am 13. September 1933 in Hannover. Während damals beinahe jede Zeitung einen ausführlichen Nachruf brachte, ist er heute so gut wie vergessen.

Text: Wolfgang Görl Foto: Stadtmuseum

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Zuletzt ein Herz Solo

Er spielt leidenschaftlich gern Karten. Genauer gesagt: Schafkopf. Dass dieses Spiel einmal sein Leben beschließen würde, ahnt Michael Schottenhamel im Jahr 1867 freilich noch nicht - ebenso wenig, dass er mit einer Bretterbude den Grundstein für eine mittlerweile 141 Jahre alte Wirtedynastie auf der Wiesn legen würde.

Schottenhamel wird am 24. Oktober 1838 im oberpfälzischen Nittenau geboren und erlernt zunächst das Schreinerhandwerk. 1866 kommt er nach München und heiratet dort die Köchin Rosalie Daller. Nur kurze Zeit später, 1867, erteilt der Magistrat ihm die "Braugerechtsame" für das Haus Luitpoldstraße 13. Dort führt Schottenhamel mit seiner Frau die Wirtschaft "Zu den Drei Mohren". Später kauft er die ganze Straße, sein Sohn Michael errichtet dort 1907 aus den Bauten das "Hotel Schottenhamel", das erst 1974 aufgegeben wird.

Doch zurück ins Jahr 1867. Schottenhamel kommt - wie etwa 20 andere Wirte - auf die Idee, beim Pferderennen auf dem Oktoberfest Bier und Brotzeit zu verkaufen. Es ist die Zeit, in der sich die Rolle der bewirtenden Vergnügungsunternehmer zu echten Wirten wandelt, weil der Magistrat die Kombination von Bierausschank und derb-lustigen Vergnügungen wegen vieler Ausschreitungen immer mehr beschränkt.

Schottenhamels Schaden soll dies nicht sein: Obwohl aufgrund der Nachfrage die Platzvergabe auf der Wiesn bereits streng reglementiert ist, darf er genau hinter dem Königszelt, unterhalb der Bavaria, eine Bretterbude errichten, in der gerade einmal 50 Gäste Platz finden können.

Recht spartanisch muss es in dieser Zeit zugegangen sein - Schottenhamel lässt Pfosten in den Boden schlagen, die er als Tische und Bänke nützt. In einem eigens dafür ausgehobenen Brunnen lässt er die Bierkrüge waschen.

Dann, im heißen Sommer 1872, geschieht etwas schier Unglaubliches. Das Lager- und Sommerbier, das eigens für die Wiesn reserviert war, ist vorzeitig aufgebraucht. Michael Schottenhamel wird jedoch auch in dieser Situation nicht verlegen und bringt entgegen allen Ratschlägen erstmals ein neues Bier auf das Oktoberfest: das im gleichnamigen Monat nach Wiener Art von der Franziskaner-Leistbrauerei gebraute "Märzen". Eine wahre Pioniertat, wenn man so will. Denn dieses Bier - wesentlich heller, stärker und teurer als zu dieser Zeit üblich - wird sich in der Folgezeit zum klassischen Oktoberfestbier entwickeln.

Schottenhamel etabliert sich in den Folgejahren immer mehr auf der Wiesn, wenngleich er bisweilen zu einigen handfesten Tricks greift, um sich seinen Platz unterhalb der Bavaria zu sichern. Sein Urenkel, der heutige Wiesnwirt, Peter Schottenhamel, erzählt, dass "Michael", wie ihn die Familie nennt, durchaus auch einmal Strohmänner eingesetzt habe, die für ihn den Platz auf der Wiesn ersteigert hätten. Den Brauereien war es zu dieser Zeit nicht gestattet, an dieser Vergabe teilzunehmen.

Jedenfalls gelingt es dem Gründer der Schottenhamel-Dynastie als Erstem, 1886 seine Bretterbude in ein 300 Plätze umfassendes Leinwandzelt zu verwandeln. Zehn Jahre später wird daraus eine Bierhalle mit 1500 Plätzen. 1908 schlägt er dann alle Rekorde, als er Gabriel von Seidl den Auftrag für eine Bierburg erteilt, in der 8000 Menschen Platz finden sollen.

Schottenhamel hat einen guten Draht zu Künstlern wie dem Maler Franz von Lenbach, zu Offizieren, zum Adel und zu Studentenverbindungen, die er immer wieder auch mit barem Geld unterstützt, falls nötig. Sie kommen also gern in sein Zelt, so gern, dass der Simplicissimus in einer seiner Ausgaben eine Karikatur bringt, die alle Vorlesungen während der Wiesnzeit ins Schottenhamel-Zelt verlegt. Michael Schottenhamel stirbt am 10. Oktober 1912 - ausgerechnet, als er gerade ein Herz Solo beim Schafkopfen ausspielen will. Sein Wiesnzelt übernehmen seine Nachkommen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Text: Astrid Becker Foto: privat

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Geschäftstüchtiger Herkules

Papa Welsch, der populäre Volkssänger, hat einen Vers auf ihn gedichtet: "Das Bayerland schaut mit Stolz auf den Mo, der mit oam Finger vier Zentner hebn ko." Tatsächlich ist der Steyrer Hans ein Kraftmensch, der als "Bayerischer Herkules" nicht nur in München, sondern auch in Berlin, Wien, Paris oder Amsterdam auftritt. Mit dem Mittelfinger der rechten Hand lupft er einen 385 Pfund schweren Stein, in dem ein Eisenring eingelassen ist. Jedem, der ihm das nachmacht, bietet er 1000 Mark. Zahlen muss er nie.

Es heißt, er habe in späteren Jahren sogar ein 528 Pfund schweres Trumm mit dem Finger gehoben, aber das ist nicht verbürgt. Selbst beim Schnupfen demonstriert er Stärke: 43 Pfund wiegt seine Tabaksdose, wenn man den einschlägigen Berichten trauen darf. Andere sprechen freilich von einem bescheidenen Döschen, das nur 14 Pfund wiegt.

Hans Steyrer, geboren am 24. Juni 1849 in Allach, verfügt neben herkulischen Kräften über genügend Grips, um erfolgversprechend zu heiraten. Seine Gattin Mathilde, eine Metzgerstochter, bringt so viel Geld in die Ehe, dass das Paar ein Wirtshaus in der Lindwurmstraße aufmachen kann. Es heißt "Zum bayerischen Herkules" - wie sonst? Er eröffnet noch einige andere Lokale, etwa den "Tegernseer Garten" in Obergiesing, wo er mit Kraftakten seine Gäste beeindruckt.

Es bleibt nicht aus, dass so ein Prachtexemplar von einem Wirt auch auf dem Oktoberfest zum Einsatz kommt. 1879 pachtet er eine Festbude der Pschorr-Brauerei. Und er ist schlau genug, sein Wiesndebüt mit einem aufsehenerregenden Reklamegag zu zelebrieren: Am Eröffnungstag versieht er seine Pferdewagen mit festlichem Dekor, setzt sich selbst nebst seiner Familie in einem Vierspänner in Pose und fährt, gefolgt von sieben Zweispännern, zu den Klängen einer Blasmusik Richtung Theresienwiese.

Der Festzug, quasi die Urform des heutigen Wirteeinzugs, wird im Tal von der Polizei gestoppt. "Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit" wirft man dem Steyrer Hans vor und stellt ihn vor Gericht. Er muss eine Geldstrafe berappen, was ihm allerdings nicht schwerfällt. Das Geschäft läuft dank der Marketingaktion prächtig.

Überhaupt ist der bayerische Herkules so clever wie der listenreiche Odysseus. In seiner Wiesnbude will er Hanteln, Steine und andere Requisiten seiner Muskelshow ausstellen, um das Publikum anzulocken. Der Magistrat untersagt das Vorhaben, doch Steyrer verwandelt die Niederlage mit leichter Hand in einen Sieg. Er setzt Anzeigen in die Zeitung, in denen er das Verbot bedauert und gleichzeitig darauf hinweist, dass die Leute ja an anderer Stelle das entgangene Erlebnis nachholen können: in seinem Gasthaus "Zum bayerischen Herkules" nämlich, wo die fabelhaften Gegenstände fortan zu besichtigen sind.

In den 1890er-Jahren führt er eine Oktoberfestbude, in der "Kraftbier" ausgeschenkt wird und eine "Athletenkapelle" spielt. Hans Steyrer bleibt Wiesnwirt bis zu seinem Tod. Er stirbt am 25. August 1906. Bei der Beerdigung auf dem Ostfriedhof erweisen ihm rund tausend Menschen die letzte Ehre. Seinen Grabstein ziert ein Bronzerelief, auf dem er mit seinem gewaltigen Schnauzbart zu sehen ist. Zu seinen Lebzeiten haben die Münchner angesichts des ausladenden Schnurrbarts gesagt, er, der Steyrer Hans, habe "a Oachkatzl gschnupft".

Text: Wolfgang Görl Foto: privat

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Der Prater-Frater

Sein eigener Sohn, Georg, nennt ihn in seinen Memoiren einen Sonderling - und so ganz unrecht scheint er mit dieser Beschreibung nicht zu haben. Denn Anton Grubers Persönlichkeit ist einigermaßen facettenreich. Darum verwundert auch seine vielgestaltige Rolle auf dem Münchner Oktoberfest nicht. Gruber ist nicht nur einer der ersten Festwirte, er ist auch Schausteller - aus heutiger Sicht wohl eine undenkbare Job-Allianz.

1818 bekommt er für fünf Jahre eine Konzession für die Wiesn erteilt. Gestattet wird ihm darin die Präsentation von sogenannten Publikumsvergnügungen. Darunter fallen ein "Carussel", eine "teutsche Schaukel" und auch eine "russische Schaukel", was wohl ein Vorläufer des heutigen Riesenrads ist. Ferner verfügt Gruber über einen "Ballenschutzer" und eine "Taubenscheibe".

Gleichzeitig ist es ihm erlaubt, Getränke und Speisen auszuschenken. Seine Bierbude und seine Belustigungen befinden sich jedoch nicht direkt auf der Theresienwiese, sondern, wie damals vorgeschrieben, auf der Theresienhöhe. Dennoch kann er als der Mann gesehen werden, der den Grundstein für die Entwicklung des Oktoberfests der folgenden Jahrzehnte gelegt hat. Denn noch lange nach Gruber gilt es unter den Wiesnwirten als obligatorisch, die Gäste sowohl kulinarisch zu versorgen als ihnen auch besondere Vergnügungen zu bieten - von Kegelbahnen bis hin zu Tanzböden oder Kletterbäumen.

Doch bis Anton Gruber Geschäfte auf der Wiesn macht, soll viel geschehen. 1793, Anton Gruber ist gerade zehn Jahre alt, kommen seine Eltern, ein österreichischer Soldat und eine Brauerstochter und spätere Marketenderin aus Regensburg, nach München und eröffnen in der Nähe der Franziskanerkirche die Gaststätte "Zur Glashütte". Grubers Vater verdingt sich nebenbei als Schuhmacher, in dem Handwerk, das er eigentlich erlernt hat.

Auch Anton erlernt zunächst die Schuhmacherei, arbeitet aber auch bald in der Wirtschaft der Eltern mit. Im Alter von 19 Jahren gilt er bereits als einer der besten Tanzlehrer Münchens. Doch sein Herz hängt offenbar an der Kirche: Als er auf einer Reise nach Regensburg sein gesamtes Hab und Gut bei einem Raubüberfall verliert, beschließt er, ins Kloster zu gehen. Zwei Jahre bleibt er bei den Regensburger Kapuzinern unter dem Namen "Frater Werenfried".

Doch mit der Säkularisation endet sein Klosterdasein. Gruber kehrt nach München zurück, arbeitet wieder als Schuhmacher und gibt, wie früher, Tanzunterricht in der "Glashütte". Er lernt seine Frau kennen, eine Färberstochter aus Isen. Mit ihr erwirbt er 1804 die Wirtschaft "Fetzengarten" vor dem Sendlinger Tor. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Nur zwei Jahre später verlässt Gruber seine Frau und den soeben geborenen Sohn. Er geht nach Wien und wird dort fürstlicher Diener.

Ein bayerischer Lakai erkennt jedoch eines Tages den ehemaligen Münchner Wirt und zwingt ihn, zu seiner Familie zurückzukehren. Gruber sucht nach einem neuen Betätigungsfeld und erwirbt 1810 den früheren Erholungsplatz der Franziskaner auf der Münchner Isarinsel. Dort errichtet er - wahrscheinlich als Reminiszenz an seine Wiener Zeit - die Belustigungsstätte "Zum Prater".

Anfänglich betreibt er sie nur im Sommer in hölzernen Buden, doch von 1813 an folgen Erweiterungsbauten auf der noch heute sogenannten Praterinsel. Es gibt Schaukeln, Karussels und einen Tanzpavillon. 1833 stirbt seine Frau, und Anton Gruber übergibt den "Prater" an seinen Sohn Georg. Er selbst geht in eines der zu dieser Zeit wieder errichteten Klöster, und zwar zu den Kapuzinern in Altötting. Dort stirbt er ein Jahr später, am 19. März 1834. Text: Astrid Becker Foto: Stadtmuseum

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"Muthvolle Luftschifferin"

September 1820: Der 10. Gründungstag des Oktoberfests steht bevor, und für das Jubiläum hat sich eine Dame aus Döhlen bei Dresden angesagt, mit der das patriotisch gesinnte "Bairische National-Blatt" sich erst einmal nicht so recht anfreunden kann. Jedenfalls meldet die Zeitung Zweifel an, ob "das baierische National-Fest durch eine sächsische Aeronautin und ihren Versuch einer Luftreise eine besondere Verherrlichung erhalten werde". Das Genörgel der Lokalpatrioten richtet freilich nichts aus - im Gegenteil: Die Münchner warten gespannt auf das Spektakel, dass ihnen die Dame aus Sachsen zu bieten verspricht.

Die 32-jährige Wilhelmine Reichard ist eine Berühmtheit. Sie ist die erste deutsche Frau, die es gewagt hat, im Korb eines Gasballons gen Himmel zu schweben. 23 Jahre war sie alt, als sie am 16. April 1811 in Berlin mit dem Ballon abhob und sich auf eine Höhe von 5100 Metern tragen ließ.

Bei ihrer dritten Fahrt steigt sie auf die Rekordhöhe von 7800 Meter. Dort verliert sie das Bewusstsein, die Ballonhülle reißt. Den Absturz überlebt sie ohne gravierende Verletzungen. Bald schon schwebt sie wieder über den Wolken. Was für eine Frau! Und nun, zur Jubiläums-Wiesn, sollen auch die Münchner das "luftschiffende Frauenzimmer" bewundern dürfen.

Als Termin des Schauspiels ist der 1. Oktober vorgesehen. Anfang September kommt Wilhelmine Reichard mit ihrem Mann Gottfried in München an. Zuvor hatte sie in Prag vor den Augen des österreichischen Kaisers sowie in Wien, vom Prater aus, Ballonfahrten unternommen. Das Ehepaar Reichard betreibt die Luftschifferei professionell. Unter anderem verdienen sie damit das Geld, das Gottfried Reichard für den Aufbau seiner chemischen Fabrik in Döhlen benötigt.

Auch der Gatte der kühnen Dame ist ein Pionier der Ballonfahrt. Reichard war bereits 1810 mit einem selbst konstruierten Gasballon zum Höhenflug gestartet. Die Reichards machen die Ballonfahrerei zum Showgeschäft, das prächtig floriert. Den Auftritt auf dem Oktoberfest lässt sich das Luftschiffer-Ehepaar mit 3000 Gulden honorieren.

Am Nachmittag des 1. Oktober - eben noch ging das Pferderennen über die Bühne - stehen die Schaulustigen dichtgedrängt auf der Theresienwiese. Der bayerisch-patriotischen Seele wird insofern Genüge geleistet, als Wilhelmine Reichard in altbairische Tracht gehüllt ist und sie zudem eine Fahne mit dem Münchner Stadtwappen an Bord hat. Auf dieser steht: "Die Bürger von München an die geprüfte und muthvolle Luftschifferin Wilhelmine Reichard, bey der Luftfahrt am Oktober-Feste 1820 auf der Theresens-Wiese." Um 15.44 Uhr startet der Ballon.

Beim Schwebeflug über der Menge wirft die muthvolle Luftschifferin Tausende Flugblätter ab, auf denen König Maximilian I. und das bayerische Volk in Gedichten verherrlicht werden: "Und komm ich aus den Wolken wieder / Auf Baierns Mutter-Erde nieder / So find ich Menschen, treu und bieder." Nach einer Luftfahrt, welche die Ballon-Amazone bis in eine Höhe von 1600 Metern führte, landet Madame Reichard tatsächlich auf Baierns Muttererde, und zwar auf einer lichten Waldstelle bei Zorneding.

Für Wilhelmine Reichard ist dies die letzte Luftnummer. Fortan widmet sie sich ihrer Familie, die auf acht Kinder heranwächst. Gottfried Reichard kehrt 1835 zur Feier des 25. Oktoberfest-Jubiläums zurück. Diesmal wagt er sich in die Lüfte. Bei stürmischem Wetter geht sein Ballon nach eindreiviertel Stunden Fahrt in Eggenfelden nieder.

Text: Wolfgang Görl Foto: Monacensia

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Im Galopp nach oben

Als die Münchner am 17. Oktober 1810 die Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig und der Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen mit einem Pferderennen auf einer Wiese vor den Toren der Stadt feiern, hat Franz Xaver Krenkl seinen ersten großen Auftritt. Noch steht er nicht ganz oben auf dem Siegertreppchen, noch belegt sein Pferd nur den dritten Platz. Aber der Anfang ist gemacht, und ein Jahr später, bei der Neuauflage des Pferderennens, galoppiert Krenkls Ross als Erstes durchs Ziel. Von da an ist der "bürgerliche Lohnkutscher" Krenkl der Galopperkönig der Theresienwiese.

Insgesamt 14 Mal gewinnen Pferde aus seinem Stall den ersten Preis. Nicht, dass er selbst als Jockey die Rennen bestreiten würde - das erledigen andere, die "Rennbuam", die man freilich als zweitrangig erachtet. Den Ruhm und die Siegprämie erntet der Besitzer des erfolgreichen Pferdes, der Rennmeister. Und der heißt in den Anfangsjahren der Wiesn zumeist Franz Xaver Krenkl.

Doch seine Erfolge bei den Oktoberfest-Rennen hätten allein wohl nicht gereicht, ihn zum Volkshelden des ludovizianischen Münchens zu machen. Krenkl ist mehr als nur ein siegreicher Rennmeister. Er verkörpert das, was sich die Leute unter einem altbairischen Urviech vorstellen. Eine gewisse Derbheit gehört dazu, gepaart mit Herzensgüte; Witz muss er haben und ebenso Bodenhaftung, und sollte er doch mal jemanden übers Ohr hauen, dann nicht aus Gier, sondern weil es sich für einen Rosshändler so gehört. Insgesamt aber ist er eine Respektsperson, die selbst keinen übermäßigen Respekt vor der Obrigkeit hat.

In späteren Zeiten wird man ihn als den "Prototyp des Münchners im 19. Jahrhunderts" feiern, und dies ist insofern kurios, als Krenkl im engeren Sinn kein Münchner war. Geboren wird er in Landshut, und zwar am 15. November 1780 als viertes Kind des Kleinuhrmachermeisters Xaver Krenkl. Der junge Mann geht bei einem Bäcker in die Lehre und dann auf die Walz, und für kurze Zeit dient er in der bayerischen Kavallerie. 1806 taucht er in München auf, als einer von vielen, die in der Residenzstadt ihr Glück machen wollen.

Und er macht es. Erst auf der Rennbahn, dann im Geschäft und schließlich auf dem gesellschaftlichen Parkett. Krenkl betreibt einen schwunghaften Handel mit englischen und ungarischen Rössern, für die vor allem Hof und Adel als Abnehmer dienen. Auch seine Lohnkutscherei floriert. Münchens wohlhabende Bürger lassen sich von Krenkls Gespannen bis nach Triest kutschieren. Dass er auch im Angesicht besserer Herrschaften mit Kraftworten und Sottisen nicht spart, fördert seinen Ruf, ein echtes bayerisches Mannsbild zu sein, beträchtlich.

In der Stadt kursieren allerlei Anekdoten, sogenannte "Krenkliaden", deren Wahrheitsgehalt nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Die berühmteste Schmonzette hat sich bis heute gehalten: Als Krenkl mit seiner Kutsche verbotenerweise die Equipage König Ludwig I. überholt, beantwortet er dessen Zurechtweisung mit dem unsterblichen Satz: "Majestät, wer ko, der ko."

Krenkl stirbt am 23. April 1860, als er in Stuttgart ein Theater besucht. Bald erscheinen in München zig Broschüren mit Krenkliaden und Lobeshymnen. In einer heißt es: "Er fühlte mit bei den Leiden seiner Mitmenschen und half den Armen oft über seine Kräfte und ohne viel Aufhebens. Seinen Ehrgeiz suchte er vielmehr darin, bei den Volksfesten auf der Theresienwiese mit seinen Rennern stets unter den Ersten zu sein."

Text: Wolfgang Görl Foto: SZ-Foto

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