150 Jahre Deutscher Alpenverein:Die Entdeckung der Bergbegeisterung

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Erst waren Jäger und Almbauern in den Bergen unterwegs, dann kam die Zeit der Forscher und Entdecker. Sie gründeten mit der Sektion München den ersten Ableger des Deutschen Alpenvereins, der heute ganz andere Menschen anzieht.

Von Günther Knoll

Ein Relikt aus vergangenen Zeiten - so wirkt es auf den ersten Blick: das Münchner Haus mit seiner Fassade aus Schindeln, wie es da steht neben all den modernen Bauten aus Beton, Glas und Stahl droben auf der Zugspitze in fast 3000 Metern Höhe. Doch dieses Panorama kann auch gut als Sinnbild dienen für die Geschichte und die gegenwärtige Situation der Münchner Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV), der diese Hütte gehört.

Von Anfang an gab es Streit um den Bau dieses Hauses. Erst im Jahr 1820 war die erste nachgewiesene Besteigung von Deutschlands höchstem Berg gelungen. In einer Zeit, als nicht der Drang nach Sport, Erholung und Freizeit Menschen in die Berge trieb, sondern Entdeckermut und Forschergeist. Es waren Wissenschaftler, Akademiker, Bildungsbürger und Künstler, denen sich da ein Terrain eröffnete, in dem bisher Almbauern, Holzknechte, Jäger und Wilderer unterwegs gewesen waren. Gleichzeitig blühte das Vereinswesen auf, und so trafen sich am 9. Mai 1869 in München im Gasthof "Zur blauen Traube" 36 Männer, 34 davon aus München, dazu ein Kurat aus Vent im Ötztal und ein Prager Kaufmann, um einen "bildungsbürgerlichen Bergsteigerverein" zu gründen.

Das war die Geburtsstunde des DAV, denn das Münchner Vorbild sollte schon bald Nachfolger finden. Im Paragraf 1 des Vereinsstatuts war das Ziel festgeschrieben: "...die Kenntniss der deutschen Alpen zu verbreiten und die Bereisung Derselben zu erleichtern". Welche Gipfelstürme man damit später auslösen würde, das konnten die Gründungsväter damals nicht ahnen.

Als im Dezember 1895 die Sektion eine außerordentliche Mitgliederversammlung abhielt, um über den Bau einer Hütte auf der Zugspitze abzustimmen, wurde erbittert debattiert, wie weit die Liebe zu den Berge gehen dürfe. Die Argumente der Gegner: Mit dem Haus werde die Bergeinsamkeit entweiht, es werde viele Ungeübte anziehen, und außerdem: "Wirtschaften gehören nicht auf Berggipfel." Die Befürworter führten an, das Haus sei als Ausgangspunkt für Bergsteiger notwendig, es werde nur eine einfache alpine Unterkunftsstätte. Außerdem sei die Hütte auch für die Wissenschaft wichtig, weil man dort eine meteorologische Station unterbringe.

Besonders leidenschaftlich argumentierte der Landschafts- und Schlachtenmaler Zeno Diemer für den Bau und träumt von dem Erlebnis, wenn man vor die Tür trete und "am nächtlichen Himmel der Vollmond leuchtet und die vielen Bergspitzen versilbert". Ob diese romantische Schilderung ausschlaggebend war dafür, dass von den 504 anwesenden Mitgliedern 337 für den Hüttenbau stimmten, oder die gut 5000 Mark, die für das Projekt bereits gespendet waren, ist unbekannt.

Das Münchner Haus wurde gebaut, es ist eine einfache Unterkunft mit 36 Schlafplätzen geblieben, und im Wetterturm arbeitet nach wie vor ein einziger Meteorologe. Und wenn die täglich gut 15 000 Gipfeltouristen wieder per Seil- oder Zahnradbahn ins Tal verschwunden sind, dann lässt sich Diemers Szenario auch heute noch nachempfinden. Der Streit führte jedoch dazu, dass sich damals die erste Sektion abspaltete, "Bayerland" verschreibt sich seither dem Leistungsbergsteigen.

Heute, gut 120 Jahre später, hat die Sektion München gemeinsam mit ihrer Partner-Sektion Oberland etwa 175 000 Mitglieder. Zusammen haben sie 53 Erwachsenen- und 17 Jugendgruppen, die so ziemlich alles anbieten, was mit den Bergen zu tun hat: Bergwandern, Bergsteigen, Bouldern, Fitnessgymnastik, Familienfreizeiten, traditionellerweise auch Kanusport mit einem eigenen Bootshaus in Thalkirchen und Mountainbiken. Pro Jahr stehen mehr als 2000 Veranstaltungen auf dem Programm: Touren, Kurse, Training, Filmabende, Diskussionen. Dazu unterhält die Doppelsektion drei Servicestellen: zwei mitten in der Stadt und eine in ihrem Kletterzentrum Gilching. Und es gehören ihr 17 bewirtschaftete und 22 Selbstversorgerhütten, von der Kampenwand über Watzmann und Zugspitze bis hinein in die Hohen Tauern.

10,4 Millionen Euro Haushaltsvolumen (2017), 30 Vollzeitstellen für die Servicestellen, mehr als 1000 Übungsleiter: Die Sektionen München und Oberland sind moderne Dienstleistungsunternehmen, die aber ohne den Einsatz der Ehrenamtlichen, ob als Funktionär, bei der Gruppenbetreuung, als Hüttenreferenten oder beim Instandhalten der Wege nicht funktionieren würden. Im Grund wurde das alles nach 1945 neu aufgebaut, denn der DAV war verboten worden, nachdem er sich voll und ganz von den Nationalsozialisten vereinnahmen hatte lassen. All das gipfelte darin, dass die Münchner Sektion verbot, jüdische Mitbürger als Mitglieder aufzunehmen.

Heute hat man sich zu Vielfalt, Toleranz und gegenseitiger Achtung verpflichtet. Der Streit um die Hütten aber bleibt. Derzeit können die Münchner die Erweiterung ihres Watzmannhauses nicht fortführen, weil Naturschützer vor Gericht einen Baustopp erwirkt haben. Und das, obwohl sich der DAV den Naturschutz ganz groß auf seine Fahnen geschrieben hat.

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