Dass bei den Jubiläumsfeiern der Regensburger Domspatzen viel gesungen wird, überrascht nicht. Doch kommt es bei der Gala zum 1050-jährigen Bestehen des Chors zu einem besonderen Moment: Domkapellmeister Christian Heiß blickt ins Audimax der Regensburger Universität und bittet die ehemaligen Chorsänger, sich zu erheben: „Im Stehen singt sich’s besser.“
Dutzende Altspatzen zwischen 18 und 80 Jahren stimmen mit den aktuellen Sängerinnen und Sängern das Lied „Hab oft im Kreise der Lieben“ an. Man hört, dass sich gebildete Stimmen gut erhalten. Und vor allem spürt man, wie sehr sich die Spatzen mit ihrem Chor verbunden fühlen, trotz der dunklen Kapitel seiner Geschichte. Darum, um das Helle wie das Dunkle, geht es dem Chor in seinem Jubiläumsjahr.
Im Gespräch mit der SZ kurz vor der Geburtstags-Gala gibt Domkapellmeister Heiß Einblick in seinen Gefühlshaushalt. Wie er es findet, dass sein Chor jetzt auf 1050 Jahre zurückblicken kann? „Unglaublich“, sagt er und hält kurz inne, als müsste er sich selbst noch vergewissern, dass die Zahl wirklich stimmt. „Viele so traditionsreiche Chöre gibt es nicht.“ Aber auch Christian Heiß, der die Geschicke des Chores die vergangenen sechs Jahre mitbestimmt hat, weiß: „Die Kirche und der Chor hatten immer wieder Zeiten, in denen es ihnen schlecht ging.“
Dabei hatte alles gut angefangen: Im Jahr 975 gründet Bischof Wolfgang in Regensburg eine Domschule. Mit den Chorälen verkürzt er den Messgängern im Dom Sankt Peter den Gottesdienst, für Jahrhunderte ziemlich ungestört, bis die Reformation über Bayern hereinbricht. Das im 16. Jahrhundert gegründete protestantische Gymnasium macht dem Chor Konkurrenz. Nur noch zwölf Knaben und junge Männer singen Mitte des Jahrhunderts. Auch die Disziplin leidet. Die Sänger werfen mit Büchern nach ihrem Chorleiter.
Düsterer wird es nur, als Kaiser Napoleon Regensburg 1809 einnimmt. Der Chor besteht zu diesem Zeitpunkt aus nur noch sechs Singknaben. Gesungen wird trotz alledem, worauf man in Regensburg stolz ist. Nur einmal in 1000 Jahren hat der Chor nicht zu Weihnachten im Dom gesungen. Das war während der Corona-Pandemie.


Ein eigenes Kapitel füllt die Geschichte der Domspatzen zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Chor wird wie alle anderen Institutionen gleichgeschaltet und instrumentalisiert, singt mehrmals auf dem Obersalzberg. „Domspatzen machen dem Führer eine Freude“, schreibt das Nazi-Blatt Bayerische Ostmark 1936. Dass die komplexe Geschichte des Chors zwischen 1933 und 1945 keinen Schwerpunkt der Geburtstagsveranstaltung bildet, ist nachvollziehbar. Das Thema gilt als erforscht und hat mit dem Chor von heute nichts mehr zu tun.

Das gilt für das andere Thema, den dunkelsten Fleck in der Chor-Historie, nicht ganz. Denn manchmal, auch nach Jahren sorgfältiger Aufarbeitung kommen immer noch Eltern zum Domkapellmeister und fragen: Kann ich mein Kind wirklich zu euch schicken? Das schön designte Jubiläumslogo färbt sich grau im Audimax, als es um die Missbrauchsgeschichte der Domspatzen geht. Ganz bewusst wollte man darüber auch an diesem Tag sprechen. „Man kann es nicht weglassen, man muss daran arbeiten“, sagt Chorleiter Heiß.

500 Kinder haben vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren physische Gewalt erlitten, 47 wurden Opfer sexualisierter Gewalt, 20 waren von beidem betroffen. Die Zahlen stammen aus der soziologisch angelegten Regensburger Aufarbeitungsstudie, die 2019 veröffentlicht wurde. Eine andere Studie mit dem Titel „Der Chor zuerst“ ergründet die historischen und institutionellen Wurzeln des verbrecherischen Umgangs mit den Schülern.
So sei neben dem Leistungsgedanken der ambitionierten Chorleiter Theobald Schrems und Georg Ratzinger auch die unübersichtliche Struktur aus Vorschulen, Gymnasium und Internaten ein Faktor gewesen, die Missbrauch begünstigte. Die Hintergründe wurden ausgeleuchtet. Und doch berührt die Vergangenheit immer wieder die Gegenwart, wenn etwa, wie unlängst geschehen, ein ehemaliger Schüler des Vorschulinternats Pielenhofen das Bistum Regensburg auf Schadenersatz verklagt.

Der konstruktive Umgang mit einem System, das das Leben von Schutzbefohlenen zerstört hat, ist in die 1050-jährige Geschichte der Domspatzen eingeschrieben. Er ist möglicherweise auch der Grund dafür, dass die Schule heute mit der Schule damals nicht vergleichbar ist. Die schwarze Pädagogik im Dienste der Leitung hat sich gewandelt zu einer Pädagogik der Motivation. Auf die Frage, was ihm das Wichtigste an der Arbeit sei, antwortet Christian Heiß ohne zu zögern: „Der Mensch steht im Mittelpunkt. Wir sind nicht nur eine Singschule, sondern eine Lebensschule. Es funktioniert nur, wenn alle zusammenhalten und sich helfen.“
Der vielleicht größte Einschnitt trifft die Schultradition 2022. Seit diesem Jahr dürfen auch Mädchen in Internat und Chor. „Die Zeit war reif“, sagt Chorleiterin Elena Szuczies. „Ich habe immer gehofft, dass sich eines der großen Ensembles einmal öffnet.“ 33 Mädchen waren es vor drei Jahren, im kommenden Schuljahr wird der Chor schon etwa 80 Sängerinnen umfassen. „Das bildet das wahre Leben ab und das tut gut“, sagt auch Christian Heiß.
Gelegentlich melden sich bei ihm ehemalige Domspatzen und fragen, ob sie sich die Schule, wie sie heute ist, einmal anschauen dürfen. Es ist eine Bitte, der Heiß gerne nachkommt. Er tut es gerne, weil er heute einen Satz hören darf, der vor Jahrzehnten nicht gefallen wäre: „Da würde ich auch gerne zur Schule gehen.“


