"Muthvolle Luftschifferin"

September 1820: Der 10. Gründungstag des Oktoberfests steht bevor, und für das Jubiläum hat sich eine Dame aus Döhlen bei Dresden angesagt, mit der das patriotisch gesinnte "Bairische National-Blatt" sich erst einmal nicht so recht anfreunden kann. Jedenfalls meldet die Zeitung Zweifel an, ob "das baierische National-Fest durch eine sächsische Aeronautin und ihren Versuch einer Luftreise eine besondere Verherrlichung erhalten werde". Das Genörgel der Lokalpatrioten richtet freilich nichts aus - im Gegenteil: Die Münchner warten gespannt auf das Spektakel, dass ihnen die Dame aus Sachsen zu bieten verspricht.

Die 32-jährige Wilhelmine Reichard ist eine Berühmtheit. Sie ist die erste deutsche Frau, die es gewagt hat, im Korb eines Gasballons gen Himmel zu schweben. 23 Jahre war sie alt, als sie am 16. April 1811 in Berlin mit dem Ballon abhob und sich auf eine Höhe von 5100 Metern tragen ließ.

Bei ihrer dritten Fahrt steigt sie auf die Rekordhöhe von 7800 Meter. Dort verliert sie das Bewusstsein, die Ballonhülle reißt. Den Absturz überlebt sie ohne gravierende Verletzungen. Bald schon schwebt sie wieder über den Wolken. Was für eine Frau! Und nun, zur Jubiläums-Wiesn, sollen auch die Münchner das "luftschiffende Frauenzimmer" bewundern dürfen.

Als Termin des Schauspiels ist der 1. Oktober vorgesehen. Anfang September kommt Wilhelmine Reichard mit ihrem Mann Gottfried in München an. Zuvor hatte sie in Prag vor den Augen des österreichischen Kaisers sowie in Wien, vom Prater aus, Ballonfahrten unternommen. Das Ehepaar Reichard betreibt die Luftschifferei professionell. Unter anderem verdienen sie damit das Geld, das Gottfried Reichard für den Aufbau seiner chemischen Fabrik in Döhlen benötigt.

Auch der Gatte der kühnen Dame ist ein Pionier der Ballonfahrt. Reichard war bereits 1810 mit einem selbst konstruierten Gasballon zum Höhenflug gestartet. Die Reichards machen die Ballonfahrerei zum Showgeschäft, das prächtig floriert. Den Auftritt auf dem Oktoberfest lässt sich das Luftschiffer-Ehepaar mit 3000 Gulden honorieren.

Am Nachmittag des 1. Oktober - eben noch ging das Pferderennen über die Bühne - stehen die Schaulustigen dichtgedrängt auf der Theresienwiese. Der bayerisch-patriotischen Seele wird insofern Genüge geleistet, als Wilhelmine Reichard in altbairische Tracht gehüllt ist und sie zudem eine Fahne mit dem Münchner Stadtwappen an Bord hat. Auf dieser steht: "Die Bürger von München an die geprüfte und muthvolle Luftschifferin Wilhelmine Reichard, bey der Luftfahrt am Oktober-Feste 1820 auf der Theresens-Wiese." Um 15.44 Uhr startet der Ballon.

Beim Schwebeflug über der Menge wirft die muthvolle Luftschifferin Tausende Flugblätter ab, auf denen König Maximilian I. und das bayerische Volk in Gedichten verherrlicht werden: "Und komm ich aus den Wolken wieder / Auf Baierns Mutter-Erde nieder / So find ich Menschen, treu und bieder." Nach einer Luftfahrt, welche die Ballon-Amazone bis in eine Höhe von 1600 Metern führte, landet Madame Reichard tatsächlich auf Baierns Muttererde, und zwar auf einer lichten Waldstelle bei Zorneding.

Für Wilhelmine Reichard ist dies die letzte Luftnummer. Fortan widmet sie sich ihrer Familie, die auf acht Kinder heranwächst. Gottfried Reichard kehrt 1835 zur Feier des 25. Oktoberfest-Jubiläums zurück. Diesmal wagt er sich in die Lüfte. Bei stürmischem Wetter geht sein Ballon nach eindreiviertel Stunden Fahrt in Eggenfelden nieder.

Text: Wolfgang Görl Foto: Monacensia

15. September 2008, 13:432008-09-15 13:43:00 ©