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Corona-Maßnahmen:Die Null als Ziel

Scotland To Remain In Covid-19 Lockdown Until End Of January

Verboten oder erlaubt: Wie kann es gelingen, Corona einzudämmen und wieder in Freiheit zu leben?

(Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images)

Auf hohen Infektionszahlen surfen und dem Virus gefährliche Mutationen ermöglichen, bis das Impfen wirkt? Das kann keine Option sein. Nötig ist ein letzter, radikaler Kraftakt.

Kommentar von Felix Hütten

Es hagelt Kritik, seit im Internet die Initiative "Zero Covid" die Runde macht. Sie wird lanciert und unterstützt von einigen Wissenschaftlern sowie Klimaaktivisten und Autoren aus dem politisch eher linken Lager. Der Ruf nach einem harten, vollständigen Lockdown, um die Zahl der Neuinfektionen auf null zu bringen, sei eine "halbtotalitäre Fantasie", schrieb sogar die taz. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen.

Die Initiative fordert, die hohen Infektions- und Todeszahlen nicht mehr hinzunehmen, und es stimmt: Ein Wirrwarr aus Regeln und Schulterzucken wird Europa nicht aus der Pandemie führen, auch nicht weitere Kleinmaßnahmen wie alles, was derzeit von Bund und Ländern in Deutschland diskutiert wird. Es brauche vielmehr, so die Forderung, eine radikale Kehrtwende, einen letzten, aber konsequenten Lockdown, der die Neuinfektionen möglichst nahe null senkt und so ein Leben in Freiheit greifbar macht. Denn nur mit kleinen Zahlen lassen sich Infektionsketten effizient nachverfolgen und unterbrechen. Das ist eines der wirksamsten Mittel im Kampf gegen das Virus.

Der Ruf nach einer europäisch koordinierten Aktion wirkt tatsächlich realitätsfern, ebenso die Forderung nach einem Stillstand der Fabrikbänder. Letzteres würde den Staat Milliarden kosten und vermutlich hohe Arbeitslosigkeit nach sich ziehen. Nur: Greift das Virus weiter um sich, insbesondere die womöglich deutlich infektiöseren Mutanten, drohen immer mehr Menschen zu erkranken und zu sterben, auch jene, die derzeit Autos bauen.

Niedrige Fallzahlen nützen auch der Wirtschaft

Bereits vor Weihnachten machten namhafte Wissenschaftler im Fachblatt The Lancet deutlich, dass das Ringen um niedrige Fallzahlen nicht nur die öffentliche Gesundheit, sondern auch die Wirtschaft schont. Oder anders herum: Was bringt es, ein Land über Wochen im Halbschlaf zu halten und mit dem Surfen auf hohen Infektionszahlen gefährliche Mutationen zu begünstigen, während immer mehr von der Krankheit betroffene Menschen womöglich immer weniger Waren herstellen oder kaufen können? Trotz hoher Zahlen lockern und damit noch mehr Tote riskieren, kann keine Option sein, ebenso wenig, noch Monate auf den Effekt der Impfaktion zu warten.

So lohnt es sich, den Ideen von "Zero Covid" Gehör zu schenken und dabei die Grundlagen der Infektiologie zu beachten: Das Sars-2-Coronavirus wird in jeder erdenklichen Alltagssituation übertragen, beim Sprechen, Singen, Knutschen und Streiten. Es mag langweilig erscheinen, diese zur Banalität gewordene Erkenntnis zu wiederholen, doch genau in ihr liegt die Lösung: Die Zahlen werden sinken, wenn Viren nicht im Gesicht des Gegenübers landen.

Ein konsequenter Lockdown und eine strenge Maskenpflicht außerhalb der eigenen vier Wände sind die Mittel der Wahl; und nicht etwa Familien am Fuße von Rodelhängen mit Blaulicht zu empfangen, während gleichzeitig das Virus in Bürotürmen und Fabriken weiter kursieren darf. Animieren funktioniert besser als verbieten, informieren besser als beschimpfen. Es muss sich noch stärker die Erkenntnis durchsetzen, dass Sars-CoV-2 ein infektiöser Nebel ist, gegen den Durchhalteparolen und Plastikscheiben weniger bringen als ein gemeinsames Wettrennen aller Bürgerinnen und Bürger: Welche Stadt, welcher Kreis, welche Region schafft als Erstes die Zahl Null - und kann damit in einen blühenden Frühling starten? Auf die Plätze, fertig, zu Hause bleiben!

© SZ/jok
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