E-Autos:Erfindergeist geht durch den Magen

E-Autos: Erfinder mit einem Faible für gute Bratwürste: Wim Obouter, Chef des Rollerherstellers Micro.

Erfinder mit einem Faible für gute Bratwürste: Wim Obouter, Chef des Rollerherstellers Micro.

(Foto: OH)

Der Schweizer Wim Obouter will einen Oldtimer wieder flottmachen und für den modernen Stadtmenschen in Serie produzieren: die Isetta als E-Auto-Version.

Von Isabel Pfaff

Angeblich begann alles mit einer Bratwurst. Allerdings nicht mit irgendeiner, sondern der wohl besten in ganz Zürich: die, die es beim Sternen Grill am Bellevueplatz gibt. Die Entfernung zwischen seiner Wohnung und dem Sternen Grill fand Wim Obouter zu weit, um zu Fuß zu gehen, aber zu nah, um das Auto oder das Fahrrad zu nehmen. So entstand 1997 der "Micro Scooter", ein Tretroller für Erwachsene, leicht und faltbar, anfangs zusammengebastelt in der eigenen Garage - so beschreibt Wim Obouter, Schweizer mit niederländischen Wurzeln, die Geburtsstunde seines Unternehmens Micro Mobility Systems.

Ob nun eine Zürcher Bratwurst wirklich der Auslöser war, sei dahingestellt; fest steht, dass Wim Obouter zu den Pionieren der sogenannten Mikromobilität gehört. Seine Micro-Tretroller gibt es inzwischen in zahllosen Ausführungen: zweirädrig oder dreirädrig, für Kinder, mit integriertem Rucksack und natürlich auch mit E-Antrieb. Mehr als 50 verschiedene Fahrzeuge, dazu noch jede Menge Accessoires wie Helme oder Schoner, vertreibt Obouters Firma mit Sitz in Küsnacht bei Zürich in mehr als 80 Ländern.

Doch womöglich steht der größte Coup des 61-jährigen Schweizers noch bevor. Seit sechs Jahren tüftelt er, der keine Erfahrung aus der Automobilbranche mitbringt, mit seinen beiden Söhnen Oliver, 27, und Merlin, 25, an einem Kleinstwagen mit vier Rädern und Elektromotor. Ausgangspunkt, so schreiben die Obouters, sei die Frage gewesen, wie viel Auto man insbesondere in Städten wirklich im Alltag brauche - wenn durchschnittlich nur 1,2 Personen im Auto sitzen und nur 35 Kilometer pro Tag fahren?

Der Microlino schafft 200 Kilometer mit einer Batterieladung

Das Ergebnis dieser Überlegungen existiert inzwischen, und wer Fotos von dem "Microlino" genannten Mini-Fahrzeug sieht, wird unweigerlich an Italien und die Fünfzigerjahre denken. Wim Obouter und seine Söhne machen auch keinen Hehl daraus: Eine wichtige Inspirationsquelle war für sie die legendäre Isetta von BMW. Ähnlich wie der beliebte Kleinwagen der Nachkriegszeit ist der Microlino ein Zweisitzer mit niedlich-rundem Äußeren, wiegt ohne Batterie und Fahrer nicht einmal 500 Kilogramm und bringt es auf 90 Kilometer pro Stunde. Aufladen kann man den Wagen, dessen Batterie bis zu 200 Kilometer schafft, an einer gewöhnlichen Steckdose.

Es sieht also ganz danach aus, als brächte Wim Obouter die Isetta zurück - als eines der kleinsten Elektroautos der Welt. Wobei: Auto darf sich der Microlino nicht nennen, er ist als Leichtfahrzeug der Klasse L7E konstruiert. Bis jetzt kurven die Söhne noch mit Prototypen herum, aber nach Angaben der Firma soll die Serienproduktion noch 2021 starten.

Verzögerungen bei der Serienproduktion

Bis dahin war es ein langer, mitunter steiniger Weg. Die Obouters hatten sich für die Produktion zunächst mit dem italienischen Fahrzeughersteller Tazzari zusammengetan. Als der dann von dem deutschen Produzenten Artega übernommen wurde, gab es Krach, denn Artega wollte eine eigene Microlino-Kopie vertreiben. Es folgten ein Rechtsstreit, die Trennung von Artega und eine grundlegende Überarbeitung der ersten Fahrzeugversion. Bei einer neuen Partnerfirma in Turin sollen nun bald die ersten Microlino-Exemplare vom Band rollen - etwa zwei Jahre später als geplant.

An Abnehmern dürfte es dem Familienunternehmen trotzdem nicht mangeln, mehr als 21 000 Reservierungen sind bei Micro Mobility Systems bislang eingegangen. Und die ersten Testfahrer sind begeistert: Beim ADAC etwa rühmt man die charmante Optik des Microlino, seine Schnelligkeit (etwa im Vergleich zum entsprechenden Citroën-Modell) und nicht zuletzt den Grundpreis von 12 000 Euro (verglichen mit dem Smart ein Schnäppchen). Offenbar ist Wim Obouter und seiner Familie der Pioniergeist noch nicht abhandengekommen. Vielleicht, weil man auch mit dem Microlino recht unkompliziert an eine Bratwurst mitten in Zürich kommt.

© SZ/kus
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