Die Stille am Grab ist eine andere als die nach dem Feuerwerk. Die Stille auf den Fluren eines Altenheims ist eine andere als die in einer Kirche. Die Stille, in der man das Gras wachsen hört, ist eine andere als die nach einer Stunde Kraftsport. Die Stille bei einer Klausuraufsicht ist eine andere als die beim Aufstieg auf den Berggipfel. Die Stille im Bunker von Odessa, in dem die Menschen auf den nächsten Raketeneinschlag warten, ist eine andere als die am Bettchen des schlafenden Kindes. Es gibt eine tödliche Stille und eine schöpferische; es gibt eine lähmende, eine bedrohliche, eine unerträgliche Stille, die Stille vor einem Gewitter zum Beispiel, die sich dann mit Blitz und Donner entlädt. Und es gibt eine beruhigende Stille, in der man seinen eigenen Atem und seine innere Stimme hört, bestärkend und verbindend. Es gibt eine Musik der Stille: den rauschenden Regen, den heulenden Wind, den Schlag einer Turmuhr.
MeinungLeben und GesellschaftWeihnachten ist die Suche nach der Stille, die Kraft hat und die Kraft gibt

Kolumne von Heribert Prantl
Lesezeit: 4 Min.

Wo sind in den Stürmen, Beben und Feuern unserer Zeit die leisen Wahrheiten? Um sie finden zu können, tut es not, still zu werden.
