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Weihnachten:Das halblegale Fest

Weihnachten 2020: Ein Christkindlmarkt-Stand während der Corona-Pandemie in Berlin

Passanten stehen in Berlin vor einer erleuchteten Weihnachtsbude

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Die Menschen werden für sich selbst entscheiden müssen, wen sie an Weihnachten treffen und welches Risiko sie in Kauf nehmen. Vom Staat werden sich alle ein wenig alleingelassen fühlen.

Kommentar von Josef Kelnberger

Aus dem Städtchen Tübingen dringt 14 Tage vor dem Fest die frohe Botschaft ins Land: Ja, ein unbeschwertes Weihnachten im Kreis der Familie ist möglich, trotz Corona! Selbstverständlich ist Boris Palmer Überbringer der Botschaft, jener immer noch grüne Oberbürgermeister, dessen Name gerade bei vielen in der eigenen Partei Atemnot und Hautausschlag verursacht, jener Dauerlautsprecher, der sich zu Beginn der Pandemie um Kopf und Kragen und die eigene Reputation redete, als er sinngemäß zu sagen schien: Es sei doch den ganzen Aufwand nicht wert, die alten Menschen vor Corona zu retten. Die würden doch sowieso bald sterben.

Nun, so kurz vor Weihnachten, drängt sich der Verdacht auf: Hätte man Palmer besser zuhören und seine Worte nicht zu böswillig auslegen sollen?

Das Beispiel Tübingen scheint zu zeigen, wie das geht, vielmehr gegangen wäre, alte Menschen zu schützen, ohne das ganze Land zuzusperren. Die Stadt hat sich einiges einfallen lassen und einiges Geld ausgegeben: eigene Einkaufszeiten, Ruftaxis, Gratismasken für Ältere, jede Menge Tests für Senioren und Menschen, die mit ihnen in Kontakt kommen. Das Virus konnte offenbar von Pflegeheimen weitestgehend ferngehalten werden, die Zahl der Infizierten jenseits von 75 Jahren ist erstaunlich gering, ebenso die Zahl der belegten Intensivbetten.

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Ob die Lage wirklich so rosig ist, und das Verdienst dafür wirklich allein Palmer gebührt, lohnt einer genaueren Betrachtung. Und vermutlich kann man ohnehin nicht eine 90 000-Einwohner-Stadt zum Vorbild für das ganze Land nehmen. Dennoch ist die Lage deprimierend: Während Palmer an Weihnachten massenhaft Schnelltests auf dem Tübinger Marktplatz anbietet ("Und dann kann man sicher sein, dass man nicht den Tod für die Eltern oder Großeltern mitbringt"), rufen die Entscheidungsträger in Bund und Ländern, voran die Kanzlerin, anlässlich des Festes die Entscheidungsschlacht im Kampf gegen das Virus aus.

So laut die Politik vor der "zweiten Welle" warnte, so wenig hat sie das Land darauf vorbereitet

Wer das Leben von Oma und Opa retten will, so heißt es, mäßige sich, reduziere Kontakte, bleibe am besten zu Hause, auch an Heiligabend. Manche fordern sogar strengste Kontaktbeschränkungen auch an den Weihnachtstagen, genau wie an Silvester. Es ist das Eingeständnis eigener Ohnmacht, auch eigenen Scheiterns. So laut die Politik vor der "zweiten Welle" warnte, so wenig hat sie das Land darauf vorbereitet. Exemplarisch für das Scheitern steht, neben dem Fehlen von Schnelltests, die Warn-App, die vielleicht vor Datenmissbrauch schützt, aber nicht vor Corona. Und nun: Wehe Weihnachten!

Kitsch und Konsumterror, andere Religionen ausgrenzend, ohnehin nur eine Familienhölle: alles richtig. Und doch kann man sich vermutlich über alle Bevölkerungsgruppen hinweg darauf verständigen, dass Weihnachten das Fest der Familie schlechthin ist. Das privateste Fest. Die Politik kann noch so sehr über die Zahl erlaubter Kontakte debattieren: Sie wird derlei Regeln schwerlich durchsetzen können, indem sie die Polizei am 25. Dezember an den Mittagstisch schickt, durchzählen lässt, Strafen ausspricht und die Menschen des Esszimmers verweist.

Die Menschen werden für sich selbst entscheiden müssen, wen sie an Weihnachten treffen und welches Risiko sie in Kauf nehmen, einen schwer krebskranken Angehörigen vielleicht ein letztes Mal zu treffen. Viele werden versuchen, privat Schnelltests zu organisieren. Und vom Staat werden sich alle ein wenig alleingelassen fühlen.

© SZ/fzg
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