Demonstrationen gegen den Krieg:Friedrich Kramer

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Demonstrationen gegen den Krieg: Vier Wochen vor dem Krieg in der Ukraine wurde Landesbischof Friedrich Kramer zum Friedensbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland ernannt.

Vier Wochen vor dem Krieg in der Ukraine wurde Landesbischof Friedrich Kramer zum Friedensbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland ernannt.

(Foto: Ronny Hartmann/picture alliance/dpa/dpa-Zentral)

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche stellt sich gegen deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine und eine Aufrüstung der Bundeswehr. Was bewegt ihn?

Von Jan Bielicki, München

An einem Ostermarsch wird Friedrich Kramer nicht teilnehmen. Zu viel zu tun, Ostern ist Hochsaison für einen Bischof. Am Karfreitag hat er im Magdeburger Dom gepredigt, am Ostersonntag will er im thüringischen Rothenstein, am südöstlichen Rand des Gebiets seiner Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, vier neue Bronzeglocken weihen - "ein neuer Ton", scherzt er. Aber der neue Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ermuntert wiederholt zu Demonstrationen gegen das, was er als "brutalen Angriffskrieg" verurteilt.

Doch da ist noch ein anderer Ton, mit dem der Landesbischof irritiert - und auch irritieren will in einer Debatte, in der er eine "zunehmend kriegerische Rhetorik" wahrnimmt. Ja, die Ukraine führe nach dem kirchlichen Leitbild des "gerechten Friedens" einen legitimen Verteidigungskrieg. Und ja, "es wäre zynisch, der Ukraine den Einsatz von Waffen zu verwehren". Aber Waffen aus Deutschland, die historisch in der Region so viel Unheil angerichtet haben? Kramer sagt "ganz klar Nein zu Waffenlieferungen, Nein zur massiven Aufrüstung".

Dissens unter Protestanten

Damit drückt er aus, was viele Friedensbewegte bedrückt in Zeiten eines Krieges, der alte Gewissheiten erschüttert. Die katholischen Bischöfe haben Waffenlieferungen einstimmig gutgeheißen. Die Protestanten, traditionell der Friedensbewegung eng verbunden, tun sich schwerer. Da erklärt die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus, die Ukrainer bräuchten "mehr als unser Mitgefühl und unsere Gebete". Doch Kramer sagt: "Da haben wir einen Dissens. Aber den Diskurs müssen wir führen."

Er will denen eine Stimme geben, die fürchten, "dass wir uns in einen Krieg hineinziehen lassen", in dem auch Atomwaffen zum Einsatz kommen könnten. "Wir dürfen da nicht gesinnungsethisch reingehen, wir müssen nüchtern draußen bleiben", sagt er. Was also tun angesichts der Kriegshandlungen und Verbrechen eines Diktators? Kramers Antwort: "Manchmal können wir alle nur hilflose Zuschauer sein. Und das ist vielleicht gut so."

Sich selbst ordnet er auf der pazifistischen Seite eines sehr breiten Spektrums der innerkirchlichen Debatte ein. Diese Haltung ist vor allem aus seiner Herkunft zu erklären. Kramer lebt, außer an seinem Amtssitz Magdeburg, in Wittenberg. Das Predigerseminar in der Lutherstadt leitet seine Frau Sabine, deren Nachnamen er bei der Heirat annahm. Kurioserweise war einer ihrer Vorgänger als Direktor Kramers Vater Hansjürgen Schulz. Der vor 57 Jahren in Greifswald geborene Theologe ist deshalb auch in Wittenberg aufgewachsen.

Wittenberg als Zentrum der Friedensbewegung

Dort lehrte auch Friedrich Schorlemmer, eine der zentralen Figuren der DDR-Friedensbewegung. Schorlemmer ließ 1983 in einer spektakulären Aktion ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden, nachdem das Regime die biblische Friedenslosung "Schwerter zu Pflugscharen", vielfach aufgenäht auf Jacken unbotmäßiger Jugendlicher, verboten hatte. Der junge Friedrich Schulz spielte bei diesem Auftritt ein Lied auf der Gitarre, Wolf Biermanns "Wann ist denn endlich Frieden". Er verweigerte den Waffendienst in der Nationalen Volksarmee, musste stattdessen zu den Bausoldaten auf Rügen - "das hat mich geprägt".

Wittenbergs Historie als Hauptort des Protestantismus hat ihn, so sagt er, früh dafür sensibilisiert, wie das Wort Gottes gehört werde - oder auch nicht. Martin Luther etwa habe sich Frieden ohne Schwertgewalt nicht vorstellen können: "Aber wenn wir heute die Möglichkeit eines Atomkriegs auch nur denken, müssen wir auf Jesus hören." Gegen irdische Genüsse hat er dabei nichts: Sein eigener Weinberg in der Nähe von Halle bringt ihm in guten Jahren bis zu 250 Flaschen.

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