Volkswagen:Bunt und bieder

Volkswagen: Der VW ID.Buzz

Mit großen Elektroautos wie dem ID.Buzz und dank seiner Mitarbeiter arbeitet sich Volkswagen aus dem Dieselskandal.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Europas größter Industriekonzern gibt sich gerne modern und weltoffen. Doch modern ist mittlerweile nur die Technik, die Unternehmenskultur fällt zurück in alte, unselige Zeiten - Vorstandschef Herbert Diess sei Dank.

Kommentar von Max Hägler

Die Idee von Volkswagen war vielleicht kindisch, aber definitiv ein Hingucker. Der Sponsor der Fußball-Europameisterschaft brachte jeweils mit Mini-E-Autos den Spielball zum Anstoßpunkt. Die Botschaft sollte wohl sein: VW bewältigt diese große Mobilitätswende ganz locker. Und dann traute man sich in Wolfsburg sogar noch eine politische Botschaft zu: Als während der EM die Empörung über homophobe Tendenzen in Ungarn losbrach und alle Welt zum Protest Regenbogenfahnen hisste, da kolorierten sie ihre ferngesteuerten Wägelchen entsprechend: "Pride-Cars" nannten die Werber das, ein buntes Zeichen für Diversität. Ein Regenbogen-Elektroauto - was für ein zeitgemäßer, offener Laden dieses Unternehmen doch ist!

Das Problem: Die eine Hälfte der Botschaft stimmt nicht. So modern Europas größter Industriekonzern mittlerweile bei der Technik ist, so altbacken ist seine innere Verfasstheit. Das zeigt beispielhaft die Hauptversammlung.

Der Vorstand um Herbert Diess und der Aufsichtsrat um Hans Dieter Pötsch können gerade einen derart guten Lauf vorweisen, dass die meisten Vorwürfe von Aktionären ins Leere laufen: beste Quartalsergebnisse, steigende Absatzzahlen bei Elektroautos. Tatsächlich deutet viel darauf hin, dass VW sich mittels (großer) E-Autos aus dem Dieselskandal arbeiten kann und mithilfe seiner vielen Milliarden und seiner Abertausend Mitarbeitenden womöglich bei der zweiten Wende der Branche aufholt zu Google und Tesla - bei der Automatisierung, die in Roboterautos münden wird, vielleicht schon in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts.

Mancher Topmanager hält dem Druck des Chefs nicht stand

Der nie verzagte Diess hat auf altmodische Manier die Kraft der Ingenieurinnen und Bandarbeiter entfesselt. Sein enormer Druck, seine Ungeduld trifft auf ein System, in dem die Leute das Exekutieren perfektioniert haben. Doch das hat einen Preis. Das System Volkswagen fällt zunehmend in alte Muster zurück.

Nachdem der Dieselbetrug aufgedeckt worden war, plakatierte die damalige Führung um Matthias Müller am Werksgelände: "Wir brauchen Transparenz, Offenheit, Energie und Mut." Doch nun unter Diess hört man wieder öfter, wie Probleme und Konflikte kleingeredet, Diskussionen unterbunden werden. Die gedrechselten Antworten auf der Hauptversammlung zu Fragen der Unternehmenskultur geben ein Beispiel dafür. Vor allem manche Topmanager scheinen dem Druck des fordernden Konzernchefs nicht standzuhalten und nach unten zu tragen - trotz Millionengehältern. Und Diess ist kein Vorbild, das zu ändern: Es ist wohl vor allem an ihm, dass Hiltrud Werner wohl nicht verlängert werden wird. Sie ist die einzige Frau im Vorstand, gibt Widerworte, setzt qua ihres Amtes - sie führt das Ressort Integrität und Recht - auf Offenheit. Doch offenbar aus ganz persönlichen Gründen schiebt er sie leider vor die Tür.

Das ist bequemer für ihn. Aber dass ihm das alle still durchgehen lassen - der Betriebsrat, die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Miteigentümer -, ist auch ein ganz praktisches Problem für Volkswagens Zukunft, nicht nur, weil eine solch große Organisation immer auf Rechtsfragen stoßen wird und damit potenzielle Skandale: Um wirklich vorne dran zu sein, braucht es die besten Vordenker und Programmiererinnen, die frei und ohne Angst arbeiten. Volkswagen ist in dieser Hinsicht aber nicht zeitgemäß. Das bunte Modellauto täuscht.

© SZ/kus
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