Volkswagen:Unregierbarer Riese

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Volkswagen: Herbert Diess wechselte 2015 zu VW und wurde 2018 Konzernchef, davor hatte der 63-Jährige lange bei BMW gearbeitet.

Herbert Diess wechselte 2015 zu VW und wurde 2018 Konzernchef, davor hatte der 63-Jährige lange bei BMW gearbeitet.

(Foto: Wolfgang Rattay/Reuters)

VW-Chef Herbert Diess ist an seinem Ego und eigenen Fehlern gescheitert. Aber die Personalie zeigt vor allem: Europas größter Autohersteller ist kaum zu steuern. Das wird auch Nachfolger Oliver Blume spüren.

Kommentar von Caspar Busse

In gewisser Weise ist sich Volkswagen mit der überraschenden Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess selbst treu geblieben. Denn Chefwechsel liefen bei Europas größtem Industriekonzern zuletzt nie in geordneten Bahnen. Bernd Pischetsrieder, Martin Winterkorn, Matthias Müller und jetzt Diess - sie alle sind im Streit und im Chaos gegangen. Immer gab es plötzlich den großen Knall. Eine geglückte Amtsübergabe an einen Nachfolger oder gar an eine Nachfolgerin, wie es sie in vielen Dax-Unternehmen gibt? Fehlanzeige in Wolfsburg.

Natürlich ist Herbert Diess auch an sich selbst gescheitert. Er war impulsiv, unkonventionell und polarisierend, hat sich mit vielen im Konzern angelegt und keine Rücksichten genommen. Unvergessen seine Auftritte in einem Batman-Kostüm oder auf einem elektrisch angetriebenen Surfboard auf dem Mittellandkanal in Wolfsburg. Man wird wohl niemanden finden, der Diess als Diplomaten bezeichnen würde. Dazu kommt: Es gibt derzeit viele ungelöste Probleme bei VW, auf die Diess keine überzeugende Antwort hat: Schwierigkeiten mit der Software, Turbulenzen auf dem für VW so wichtigen Markt in China, Reibereien mit dem Betriebsrat, der Vorsprung des Konkurrenten Tesla, der VW zu enteilen scheint.

Klar ist aber auch, dass Diess in den vergangenen vier Jahren an der Spitze von VW einiges erreicht hat. Der ehemalige BMW-Manager hat den oft schwerfällig wirkenden Autokonzern konsequent auf Elektro-Mobilität getrimmt, neue Fahrzeuge auf den Markt gebracht und dabei auf eigene Software und Batterien gesetzt. Er hat damit erfolgreich die Wende weg vom Verbrenner hin zu neuen Antrieben und in Richtung Digitalisierung angestoßen. Dafür musste Diess bei VW erhebliche Widerstände überwinden und auch mal unbequeme Wahrheiten kundtun, ohne Rücksichten zu nehmen.

Doch Diess ist auch an den Strukturen von Volkswagen gescheitert. Das Unternehmen mit den vielen Marken, einem Umsatz von 250 Milliarden Euro und deutlich mehr als 600 000 Mitarbeitenden weltweit ist schon lange unregierbar geworden. Der Riesenkonzern aus Wolfsburg, einst von den Nationalsozialisten gegründet, steht noch immer international für "Made in Germany" wie sonst vielleicht nur noch Siemens, Bosch oder BMW. Aber Volkswagen ist nicht nur groß, sondern auch unübersichtlich. Ein Durchregieren ist kaum möglich. Viele Bereiche und Marken führen Eigenleben. Diess kämpfte an vielen Fronten.

Familie, Politik, Arbeitnehmer - bei VW reden viele mit

Auch die Unternehmensführung bei VW, die sogenannte Corporate Governance, hat Mängel. Im Aufsichtsrat, der Diess letztlich am Freitagabend offenbar einstimmig abberufen hat, sitzen kaum unabhängige Mitglieder, wie es bei Unternehmen von dieser Größenordnung üblich und sinnvoll ist. Diese wären es, die vor allem die Interessen der Firma und der freien Aktionäre vertreten würden. Dafür dominieren die beiden Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, die sich oft auch untereinander nicht grün sind. Gleichzeitig regiert das Land Niedersachsen als Anteilseigner mit, im Aufsichtsrat sitzt sogar der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, die Politik redet also mit, das ist immer gefährlich. Und dann sind da noch die Arbeitnehmervertreter, die bei VW traditionell eine sehr starke Rolle haben. Gegen sie ist kaum etwas möglich.

In diesem Geflecht hat ein Konzernchef keinen leichten Stand. Mehrmals geriet Diess mit seinem radikalen Kurs zwischen die Fronten und wurde dabei schwer beschädigt. Dabei braucht ein Konzern wie Volkswagen in dieser grundlegenden Transformation, die die Autobranche gerade durchmacht, mehr denn je einen starken und unumstrittenen Chef.

Dass der Diess-Nachfolger, Porsche-Chef Oliver Blume, diese Rolle ausfüllen kann, wäre jedenfalls sehr im Interesse von Volkswagen. Blume bringt einiges dafür mit: Er gilt als Vertrauter der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch und verfügt so über wichtigen Rückhalt. Es gilt als umgänglicher und diplomatischer als sein Vorgänger und könnte den im Grundsatz ja richtigen Umbau von VW, den Diess angestoßen hat, weiterführen - mit ruhigerer Hand. Und doch fragt man sich: Warum bleibt Blume auch Porsche-Chef? In Personalunion sind VW und der Sportwagenbauer sicher nicht zu führen, zumal Porsche gerade einen Börsengang vorbereitet, der in diesen unruhigen Zeiten kein Selbstläufer ist.

Und dann ist da auch noch die Affäre unter dem Namen #porschegate. Blume musste sich bereits für Aussagen über einen angeblich engen Austausch mit FDP-Chef Christian Lindner während der Ampel-Koalitionsverhandlungen entschuldigen. Der Porsche-Chef hatte damit geprahlt, er habe großen Anteil daran, dass eine weitere Nutzung synthetischer E-Fuels für Verbrennungsmotoren in den Koalitionsvertrag gekommen sei. Blume ist beschädigt, noch bevor er den neuen Job angetreten hat. Kein gutes Omen.

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