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Volksbühne Berlin: "Me Too" Vorwürfe:Unter Machos

Klaus Dörr

Sein Rücktritt verweist auf größere Probleme an den Theatern: der Interimsintendant der Berliner Volksbühne, Klaus Dörr.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Die "Me Too"-Vorwürfe gegen den Intendanten der Berliner Volksbühne sind erschreckend. Aber nicht erstaunlich. Die Strukturen an deutschen Bühnen führen zu Angst, Stress und Ausbeutung.

Von Christine Dössel

Jetzt ist schon wieder was passiert. Nach "Me Too"-Vorwürfen, die am Wochenende in der taz publik wurden, hat der Interimsintendant der Berliner Volksbühne, Klaus Dörr, seinen Posten niedergelegt. Zehn Mitarbeiterinnen des Theaters machen ihm "körperliche Nähe und Berührungen, erotisierende Bemerkungen, anzügliche Witze und sexistische Sprüche" zum Vorwurf. Auch von "unverhohlenem Anstarren auf die Brust" und dem Fotografieren unter den Rock ist die Rede. Um Verzeihung gebeten hat Dörr bei seinem Rücktritt nicht. Nur sein Bedauern ausgedrückt.

Die Wut ist groß. Nach ähnlichen Fällen an anderen Theatern und der breiten "Me Too"-Diskussion hätte man nicht gedacht, dass sich ein Intendant solche Übergriffe noch trauen würde. 2018 wandte sich die Belegschaft des Wiener Burgtheaters in einem offenen Brief gegen das Gebaren des ehemaligen Direktors Matthias Hartmann. Er habe in seiner Zeit, bis 2014, eine "Atmosphäre der Angst und Verunsicherung" erzeugt, begleitet von homophoben und sexistischen Sprüchen und Klapsern auf den Po. Im vergangenen Jahr war es Peter Spuhler, der Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, dessen Führungsstil vom Personalrat attackiert wurde ("Kontrollzwang, beständiges Misstrauen, cholerische Ausfälle"). Spuhler verlässt das Haus im Sommer.

Von wegen hehre Kunst, von wegen Bereich des Schönen-Wahren-Guten!

Es ließen sich etliche weitere Beispiele für Machtmissbrauch in der Kulturbranche anführen. Der Fall Dieter Wedel machte 2018 den Anfang. Wie in den USA der frühere Filmproduzent Harvey Weinstein muss sich wohl auch der Film- und Theaterregisseur Wedel wegen Vergewaltigung vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat vor zwei Wochen Anklage erhoben.

Von wegen hehre Kunst, von wegen Bereich des Schönen-Wahren-Guten! Im Theater, das sich so gerne als moralische Schule geriert, schockieren solche Grenzüberschreitungen ganz besonders. In seinen Inszenierungen setzt es sich für Minderheiten ein, prangert die Ungerechtigkeiten der Welt an. Hinter den Kulissen aber lässt es oft Missstände zu, die bei jedem Reifenhersteller dank Betriebsrat und Arbeitsrecht unmöglich wären.

78 Prozent der Häuser werden von Männern geführt

Beim Theater liegt der Fehler schon im System. Mit seinen extrem hierarchischen Strukturen begünstigt es ein Klima von Angst, Stress und Ausbeutung. Die zentrale, dereinst von gefeierten Theatergöttern dominierte Position des Intendanten - zu 78 Prozent sind es noch immer Männer - ist mit einer beispiellosen Machtfülle verbunden. Er ist die absolute Leitfigur. Er bestimmt über Spielplan, Karrieren, Besetzung, und wenn er selber auch Regisseur ist, kommt er den Schauspielern noch ganz anders nah. Bei den Proben sind Künstlerinnen und Künstler verwundbar, verletzbar, ungeschützt - und müssen es sein.

Der Intendant ist es auch, der über den berüchtigten "Normalvertrag Bühne" entscheidet, den am Theater die meisten Künstler haben: ein Jahresvertrag, der immer wieder verlängert werden muss - und der ohne Weiteres beendet werden kann, aus nicht näher begründungspflichtigen "künstlerischen Gründen". Wer in einem solch prekären Abhängigkeitsverhältnis steht, überlegt sich zweimal, ob er (oder sie) den Mund aufmacht.

Regie-Chauvis glauben, Schauspieler "brechen" zu müssen

"Unsere Branche krankt an veralteten Machtstrukturen", heißt es nun in einer Erklärung des Volksbühnen-Ensembles. Darin wird die "uneingeschränkte Solidarität mit den Frauen" ausgedrückt, die sich im Fall Dörr zu Wort gemeldet haben. Das ist schön, kommt aber etwas spät. Weniger Duckmäusertum, mehr Mut und gemeinsame Offensive muss auch von den Schauspielern selbst gefordert werden, damit sich grundsätzlich etwas ändert. Sexualisierte Übergriffe wie die von Dörr hätten gar nicht mehr passieren dürfen. Seit "Me Too" ist ja doch einiges in Bewegung geraten, in den Köpfen und in den Institutionen. Vereinigungen wie "Pro Quote" oder das "Ensemble-Netzwerk" wurden gegründet, unabhängige Vertrauensstellen eingerichtet, der Deutsche Bühnenverein hat einen Verhaltenskodex verkündet. Daher können und sollten Ensembles künftig sofort reagieren und auch mehr Eigenverantwortung übernehmen. Das ist das eine.

Das andere ist ein überfälliger Strukturwandel der Macho-Bastion Theater. Da ist auch die Politik gefragt. Die Aufgaben- und Machtfülle eines Intendanten aufzubrechen, sie auf mehrere Köpfe aufzuteilen - das wäre ein Schritt. Mehr Frauen in Führungsjobs, mehr Teilhabe der Beschäftigten, insgesamt mehr Diversität und Transparenz sind unerlässlich. Dazu gehört sicher auch, vom Geniekult Abschied zu nehmen, der im Theater oft noch betrieben wird. Regie-Chauvis glauben, den Diktator geben und Schauspieler anbrüllen und "brechen" zu müssen, weil nur so große, autonome Kunst entsteht. Diese Zeiten sind vorbei. Es ist anzunehmen, dass auch dann gutes Theater herauskommt, wenn man die Menschen anständig behandelt.

© SZ
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