Migration:Der Provokateur im Meer der Gleichgültigkeit

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Migration: Angesichts der Lage in libyschen Flüchtlingslagern sieht sich UNHCR-Vertreter Vincent Cochetel in einem ethischen Dilemma.

Angesichts der Lage in libyschen Flüchtlingslagern sieht sich UNHCR-Vertreter Vincent Cochetel in einem ethischen Dilemma.

(Foto: Martial Trezzini/dpa)

Vincent Cochetel hat als UN-Vertreter für das südliche Mittelmeer viel Elend und Tod gesehen. Und vielleicht scheut er genau deshalb nicht davor zurück anzuecken - bei Flüchtlingen wie bei Regierungen.

Von Mirco Keilberth

Mit einer Solidaritätsbekundung hat sich das UN-Flüchtlingshilfswerk an die Angehörigen der seit 2014 mehr als 25 000 Vermissten auf dem südlichen Mittelmeer gewandt. Alleine in diesem Jahr verlor sich die Spur von 1264 Menschen, die in Booten von Libyen oder Tunesien nach Italien aufgebrochen sind. Eigentlich ist die Botschaft eine alljährliche Geste der Anteilnahme. Doch die Erklärung vom 7. September soll wohl verhindern, dass die Arbeit der Hilfsorganisationen IOM und UNHCR noch stärker infrage gestellt wird. Der Ruf der beiden war in Tunesien und Libyen ohnehin schon angeschlagen, doch dann machte sich Empörung breit wegen einer Bemerkung des für die Region zuständigen UNHCR-Vertreters. Vincent Cochetel hatte in einem Tweet die Mütter der auf dem Mittelmeer vermissten Migranten für deren Schicksal mitverantwortlich gemacht.

Nach einer Gedenkveranstaltung in der tunesischen Hafenstadt Zarzis hatten die Mütter von Vermissten für die Wiederaufnahme der Suche demonstriert. Cochetel kommentierte den Trauerzug so: "Ich fühle mit ihnen. Aber dieselben Mütter sahen kein Problem darin, ihre Kinder zu der Überfahrt zu motivieren oder diese zu finanzieren. Ein symbolisches Verfahren gegen die Mütter, die ihre Kinder in Gefahr bringen, so wie in Senegal, könnte die Einstellung zu den Todesfahrten ändern."

Täglich machen sich Dutzende Boote von Tunesien aus auf den Weg

Die mit den Fotos von ihren Töchtern und Söhnen demonstrierenden Mütter reagierten geschockt. Jalila Taamallah schrieb auf der Webseite der Organisation "Mediterranea - Saving Humans": "Es ist das Visum- und Grenzsicherungssystem, das unsere Söhne gefährdet, es sind nicht die Mütter."

Von den Stränden bei Zarzis machen sich derzeit täglich Dutzende Boote auf den Weg nach Lampedusa. Viele Überfahrten werden von Familien oder Nachbarn finanziert. Jährlich senden in Europa arbeitende Tunesier Hunderte Millionen Euro zurück in ihre Heimat. Doch die Zahl der Schiffsunglücke steigt, allein in den vergangenen Wochen starben mindestens 150 Tunesier sowie Migranten aus West- und Zentralafrika vor der nordafrikanischen Küste.

Nachdem die Pressestelle des UNHCR klargestellt hatte, dass Cochetels Forderung keineswegs die offizielle UN-Position darstelle, entschuldigte sich auch der UN-Beamte. Der Frust über so viele verlorene Menschenleben und so viele straffreie Schmuggler rechtfertige nicht seine Wortwahl, so Cochetel. Die rund um das Mittelmeer tätige Rettungsinitiative "Alarmphone" kritisiert Cochetel für seine Ignoranz der Komplexität des Phänomens Migration. "Sie würden es nicht wagen, den Frauen die Kritik ins Gesicht zu sagen", so Alarmphone.

Er wünscht sich eine Reform der Migrationspolitik

Dabei scheut sich Cochetel nicht, den Opfern der Menschenhändler seine Meinung persönlich zu sagen. Bei einem Besuch eines UNHCR-Aufnahmelagers in Zarzis vor zwei Jahren beschwerte er sich über die Weigerung der auf dem Mittelmeer Geretteten, in ihre Heimat zurückgeflogen zu werden. Aber auch von internationalen Diplomaten fordert der UN-Repräsentant angesichts der dramatischen Lage ein radikales Umdenken. Er trachtet danach, die Rettungsmissionen auf dem Mittelmeer auszuweiten und die Lage der in den libyschen Lagern festgehaltenen Migranten zu verbessern. Das sind seine Dauerthemen. Vertrauten hat Cochetel verraten, dass er eine Reform der Migrationspolitik anstoßen will.

Vielleicht unterscheidet ihn eine persönliche traumatische Erfahrung von den Bürokraten seiner Zunft. In Südossetien verbrachte er 1988 mehr als 300 Tage in Geiselhaft von Aufständischen. In Libyen erlebt er den Horror der Milizengefängnisse persönlich. "Wir befinden uns als UNHCR und Europa in einem ethischen Dilemma. Uns allen sind die Zustände in den libyschen Haftzentren bekannt, aber wir müssen helfen, auch wenn wir instrumentalisiert werden. Die Migranten sollten sich nicht mehr auf den Weg machen", so Cochetel in Zarzis.

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