Vietnam:Schikanierte Reporterin, die partout nicht schweigen will

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Vietnam: Pham Doan Trang findet, für eine vietnamesische Journalistin gebe es viele Gründe, traurig zu sein.

Pham Doan Trang findet, für eine vietnamesische Journalistin gebe es viele Gründe, traurig zu sein.

(Foto: Privat)

Pham Doan Trang legt sich seit 20 Jahren mit der autokratischen Einheitspartei in Vietnam an - und bezahlt das nun mit neun Jahren Haft.

Von David Pfeifer

Ein Jahr lang hatte man nichts mehr von Pham Doan Trang, 43, gehört und gelesen. Die vietnamesische Journalistin und Aktivistin war im Oktober 2020 in ihrer Wohnung in Hoh-Chi-Minh-Stadt festgenommen und inhaftiert worden, nur wenige Stunden nachdem der jährliche Menschenrechtsdialog zwischen den USA und Vietnam geendet hatte. Man brachte sie nach Hanoi und setzte sie in Einzelhaft fest. Erst ein Jahr später durfte sie ihren Anwalt sprechen. Es folgte ein Prozess, über den in den vergangenen Wochen wenig nach außen gedrungen ist, außer die Anklage: "Propaganda gegen den Staat der Sozialistischen Republik Vietnam" gemäß Artikel 88 des Strafgesetzbuches von 1999. Dafür hat sie nun neun Jahre Haft bekommen.

Bis zu ihrer Verhaftung schrieb Pham Doan Trang vor allem über Politik und Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Im Jahr 2000 begann sie für das frühe Internet-Magazin VnExpres zu arbeiten. Sie wechselte zu Web-TV-Sendern, schrieb Bücher, unter anderem über die Diskriminierung Homosexueller in Vietnam. Sie war Gründerin des unabhängigen Magazins Luat Khoa und Redakteurin bei The Vietnamese Magazine.

In Vietnam ist es um die Pressefreiheit besonders schlecht bestellt

Ihre Kollegen dort haben kurz nach ihrer Verhaftung eine Porträt-Seite für Pham Doan Trang eingerichtet. Dort erzählt sie über ihre Jugend. "Ich lieh mir die Liederbücher meiner Freunde aus, um die Beatles zu kopieren, in schlechtem Englisch und mit noch schlechterer Grammatik ... Aber so bin ich aufgewachsen - mit den Beatles." Sie studierte internationale Wirtschaft und entdeckte das Internet. "Wir hatten damals nicht viele Bücher, und unsere Realität entsprach ohnehin nicht den Büchern", erzählt sie über die Online-Entwicklung ihres politischen Bewusstseins. "Die Fleißigeren unter uns fanden in ausländischen Wirtschaftsartikeln - entweder in anderen Sprachen oder ins Vietnamesische übersetzt - eine ausgezeichnete Informationsquelle."

Vietnam zählt, mit mindestens 23 Medienschaffenden, die im Gefängnis sitzen, laut dem "Committee to Protect Journalists" in New York zu den Ländern, in denen die meisten Reporterinnen und Reporter inhaftiert sind. Auf der Rangliste der globalen Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" liegt Vietnam auf Platz 175 von 180 Staaten. Pham Doan Trang wurde in den vergangenen Jahren mehrfach verprügelt, entführt, verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Sie wurde so schwer verletzt, dass sie nach einer Operation humpelt und an Krücken gehen muss.

Ihre größte Angst? Etwas Falsches zu schreiben

Im Mai 2016 wurde sie von der Polizei daran gehindert, zu einem Treffen mit US-Präsident Barack Obama zu erscheinen. Seit 2017 wechselte sie häufig ihren Aufenthaltsort. Gestoppt hat sie das nicht, "ich hatte vor vielen Dingen Angst, aber meine größte Angst war es, etwas Falsches zu schreiben". Sie engagiert sich nicht nur für Minderheiten, sondern auch für Umweltschutz. Im Januar 2020 hatte sich Pham Doan Trang zu einem Konflikt geäußert, in dessen Verlauf drei Polizisten und ein Dorfvorsteher zu Tode gekommen waren. Dabei ging es um den Bau eines Militärflughafens auf Ackerland, das Dorfbewohner am Stadtrand von Hanoi beanspruchen. Zwei weitere Aktivisten, die sich in dem Fall engagiert haben, stehen nun ebenfalls vor Gericht.

"Die erfolgreiche Autorin Pham Doan Trang sieht sich aufgrund ihres jahrzehntelangen Einsatzes für die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit und die Menschenrechte harten Repressalien seitens der Regierung ausgesetzt", sagte Phil Robertson, stellvertretender Asien-Direktor bei "Human Rights Watch" über den Prozess. "Mit ihrer Verfolgung zeigen die vietnamesischen Behörden, wie sehr sie populäre kritische Stimmen fürchten." Pham Doan Trang hat dazu gesagt, "wenn man ein vietnamesischer Journalist ist, gibt es viele Gründe, traurig zu sein. Aber wenn man seinen Seelenfrieden haben will, sollte man vielleicht kein Journalist sein."

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