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75 Jahre Vereinte Nationen:Unverzagt und dennoch höchst gefährdet

UN Charta Jubiläum Truman

US-Präsident Harry S. Truman und die amerikanische Delegation bei der Unterzeichnung der UN-Charta im Juni 1945.

(Foto: AP/AP)

Die Staatengemeinschaft feiert ihren 75. Geburtstag. Ob sie die Zukunft überleben wird, entscheidet ihr Gründungsmitglied USA durch die Wahl seines Präsidenten.

Kommentar von Stefan Kornelius

Der Zustand der Vereinten Nationen lässt sich am besten beschreiben, wenn man auf die kümmerliche Festplanung schaut, die zum 75. Geburtstag der Weltorganisation an diesem Wochenende aufgestellt wurde. Ein paar Konzerte, eine Diskussionsrunde, mehr nicht. In ihrem Jubiläumsjahr trifft man die UN in einer beklagenswerten Verzwergung an: eine ächzende Bürokratie, stets der Kampf um Finanzen und Anerkennung, dysfunktionale und gelähmte politische Institutionen wie der Sicherheitsrat oder der Menschenrechtsrat. Einerseits.

Andererseits wird die Welt gerade von einer Pandemie geschüttelt. Die stets steigende Zahl der Erdenbürger hat ein ganz neues Set an Themen aufgeworfen, die über das Überleben dieser Spezies entscheiden: die Veränderung des Klimas, die Sorge um die Versorgungssicherheit, Wanderungsbewegungen mit ihren Folgeerscheinungen wie Krieg und Radikalisierung. Provokationen, Regelbrüche, Kriegsdrohungen: Es gäbe also ein paar Gründe, warum ein leidlich begabter Staatenlenker den Zusammenschluss von Staaten als hilfreich erachten könnte, der es sich zum Ziel setzt, Kriege zu verhindern, wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit anzustreben und die Würde aller Menschen zu schützen.

Frieden, Menschenrechte, gleiche Regeln für alle - so steht es nämlich im Gründungsdokument der UN, ihrer Charta, die am 24. Oktober 1945 in Kraft trat, als sie nämlich von den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats und der Mehrheit der 50 Gründungsnationen ratifiziert worden war. Die Zeiten waren düster, die Trümmer rauchten noch nach dem Weltbrand, als der damalige US-Präsident Harry S. Truman den Gründungsgedanken in einen simplen Satz packte: "Wir selbst müssen uns die Lizenz verweigern, immer zu tun, was wir wollen."

Das war ein geradezu seherischer Satz, der von einem Ordnungsverständnis für die Welt zeugte, wie es 1945 gerade gewachsen war und wie es fast 75 Jahre lang von den meisten US-Präsidenten geteilt wurde. Die schon von Woodrow Wilson ausgebrütete Idee einer Familie der Völker folgte ja keinem Gutmenschenimpuls, sondern verband das nationale, amerikanische Interesse mit den Werkzeugen, die dieses Land groß und stark und schließlich zur Siegernation in zwei Weltkriegen gemacht hatten: Demokratie und Recht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war aus dieser Einsicht - nur demokratische Bündnisse können Krieg verhindern - ein Zwang geworden. Die Anti-Hitler-Allianz verblasste blitzartig, und einem totalitären Übel drohte das zweite gleich zu folgen: der sowjetische, stalinistisch geprägte Machtanspruch mit der Vorstellung von einer kommunistischen Weltrevolution als Antreiberin.

Und so machten die USA aus der Not eine Tugend, oder kantiger ausgedrückt: ein Instrument ihrer Interessen. Die Vereinten Nationen sollten die Saat der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit, den benevolenten Multilateralismus Washingtoner Prägung, in die Welt ausbringen. Dass der Sicherheitsrat mit seinen fünf permanenten Vetomächten wie eine Sollbruchstelle funktionierte, war das hinzunehmende Übel. Bis heute ist das Gremium trotz seiner überholten Zusammensetzung Spiegel der Mächtekonstellation auf der Erde, weil es immer noch geografische Größe eines Landes, Bevölkerungsstärke, Wirtschafts- und Militärmacht sind, die die Hackordnung bestimmen.

Zwei große Trends erklären den Zustand der Vereinten Nationen heute: die Abwendung der USA unter Donald Trump vom Multilateralismus, also von einer Welt der Regeln und Verträge. Und der Aufbau einer parallelen Ordnung durch China, das die Strukturen der UN immer stärker mit seinem Personal besetzt und in seinem nationalen Interesse arbeiten lässt. Selten, aber umso wuchtiger blitzt der Widerstandsgeist gegen diese Dynamik des Verfalls auf, wie unlängst bei einer Verurteilung Chinas für seine Menschenrechtsverstöße in Hongkong und der Provinz Xinjiang, der sich - initiiert von Deutschland und Großbritannien - 39 Staaten im Menschenrechtsausschuss der Vollversammlung anschlossen. "Um den Glauben an fundamentale Menschenrechte zu bestärken", wie es in der Präambel der UN vor 75 Jahren formuliert wurde.

Diese Unmutsbekundungen, die Beschwörungen einer "Allianz der Multilateralisten", einer neuen "Liga der Demokratien" - all dies wird nicht weit führen, wenn sich die größten Mächte der Erde dem Gründungsgedanken der UN verweigern. Donald Trump hat in vier Jahren ihren Daseinszweck ad absurdum geführt. Eine zweite Amtsperiode würde dem Multilateralismus den Todesstoß versetzen. Bisher war nur Beschädigung - nun folgt die Zerstörung.

So gerät es zum zynischen Witz der Weltgeschichte, dass die Zeugungsnation USA das Schicksal der Vereinten Nationen 75 Jahre nach deren Gründung zum zweiten Mal entscheiden werden. Den Ausgang der Wahl wird dieses Thema nicht beeinflussen. Die Zukunft der Erde schon.

© SZ/bix
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