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USA und Donald Trump:Abwählen!

Donald Trump am Weg zu einer seiner Wahlkampfveranstaltungen.

(Foto: MANDEL NGAN/AFP)

Donald Trump hat in vier Jahren unschätzbaren Schaden an der Demokratie und der von den USA gebauten Weltordnung angerichtet. Nun entscheiden die Amerikaner - und sie haben eigentlich keine Wahl.

Kommentar von Stefan Kornelius

Über die Bilanz der vier Trump-Jahre muss nicht lange gestritten werden. Dieser Präsident konnte vom ersten Tag an mit den herkömmlichen Maßstäben von Erfolg und Misserfolg nicht gemessen werden, zu bilanzieren im klassischen Sinn gibt es also wenig. Donald Trump hat die Idee vom Präsidentenamt zerstört und stattdessen einen irritierend neuen politischen Kosmos geschaffen. Das macht die vergangenen Jahre so schockierend einzigartig.

Das wichtigste Merkmal dieser Amtszeit ist in der Tat die Zerstörung - die nun, am Ende, in eine Erschöpfung zu münden scheint. Trump selbst wirkt erschöpft, sein Clan ist erschöpft, die USA und auch die Welt sind erschöpft.

John F. Kennedy hat die Amerikaner aufgefordert, sich für ihr Land hinzugeben. Trump hat von seinem Land lediglich genommen. Er hat die USA und auch die Welt ausgezehrt - emotional, politisch, ökonomisch, ideologisch. Die USA sind stärker polarisiert, als sie es vor vier Jahren bereits waren. 40 Prozent der Wähler beider Lager haben kein Verständnis mehr für die andere Seite. Alle Indikatoren für vernünftiges Regierungshandeln zeigen nach unten, die Institutionen des Landes liegen im Staub. Zuletzt hat Corona unendliches Leid über die USA gebracht, auch und vor allem durch Worte und Taten des Präsidenten. Außerhalb der USA hat Trumps Unberechenbarkeit eine sich allemal auflösende Weltordnung an den Rand des Kollapses geführt.

Die Bereitschaft zur Gleichschaltung im System Trump trägt autokratische Züge

Über die Gesundheit des Präsidenten wurde viel spekuliert, weil das Ausmaß an Irrationalität, die Unfähigkeit zur Reflexion und eine entfesselte Lügenmaschinerie nur noch mit den Abgründen der menschlichen Psyche erklärbar schienen. Schockierender als die Psychologie dieser Person ist aber die Tatsache, wie leicht sich große Teile der Bevölkerung und der Führung in den USA von der Trump'schen Geisteswolke vereinnahmen ließen.

Man sollte diesen Begriff nicht leichtfertig verwenden, aber: Die Bereitschaft zur Gleichschaltung im System Trump trägt autokratische Züge. Das Maß der Unterordnung im Parlament, Kabinett und in der Justiz, die Gleichgültigkeit gegenüber der Zerstörung der demokratischen Ordnung, der nie nachlassende Verstoß gegen das Werte- und Regelsystem: All das wurde vor vier Jahren für unmöglich gehalten. Dass die amerikanische Demokratie nicht kollabierte, ist der Zähigkeit des Systems, dem Widerstand von Medien und Öffentlichkeit und am Ende auch Trump selbst zu verdanken, der ein lausiger Autokrat ist. Das Zerstörungswerk ist dennoch beachtlich.

Als Trump ins Amt kam, gab man ihm ein paar Monate. Ein Amtsenthebungsverfahren schien gar nicht nötig - der Mann würde sich schon selbst richten. Das Gegenteil ist eingetreten. Der Kollektivismus hat Trump im Amt gehalten, ein Massenphänomen, das ansonsten nur in autoritär gelenkten Systemen zu beobachten ist. Dies ist die vielleicht wichtigste Lehre aus den vier Jahren: Demokratien sind gefährdete Gebilde; offene Gesellschaften sind manipulierbar und schwach, sie können wie ein Vogelschwarm blitzschnell die Richtung ändern - ohne zu merken, was sie da eigentlich gelenkt hat.

Sollte Trump wiedergewählt werden, könnten die USA im Inneren zerbrechen

Heilsversprechen, Trugbilder, die Verführbarkeit der Massen - die Geschichte kennt extreme Beispiele für den Machtmissbrauch. Donald Trump fügt dieser Serie nun eine Episode hinzu. Jetzt verliert sich die Fiktionalität von "Great again" und "America first" im Jammer der Pandemie. Die Wahrheit ist: Selten waren die USA im Inneren so geschunden, noch nie war Amerikas Rolle in der Welt derart gefährdet.

Sollte Trump wiedergewählt werden, dann könnten die USA im Inneren zerbrechen. Der Mann, der von der Polarisierung lebt und selbst die Gesundheitsgefahren einer Pandemie gegen die eigenen Bürger zu instrumentalisieren versteht, dieser Donald Trump wird eine Spaltung zu verantworten haben, wie sie die USA seit dem Bürgerkrieg nicht mehr erlebt haben. Im Rest der Welt würden es Demokratien und offene Gesellschaften schwer haben, dem Zusammenbruch der amerikanischen Ordnung ein neues Modell folgen zu lassen. Am Dienstag entscheiden die USA. Sie haben eigentlich keine Wahl.

© SZ/mpu
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President Donald Trump at the Republican National Convention, projected in a home in Irondequoit, NY, on August 27, 2020.

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