USAVor der Klippe

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Ein Hauch von Verzweiflung umweht Trumps Wahlkampf. Aber verloren hat er noch lange nicht.

Von Hubert Wetzel, Washington

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In der Psychoanalyse gibt es das Phänomen der Projektion. Ein Mensch schreibt dabei seine Wünsche, Ängste oder Sorgen einem anderen Menschen zu. Projektion ist ein Abwehrmechanismus. Die eigenen Probleme werden auf jemanden anderen übertragen - schwupps, sind sie weg.

Wie Projektion in der Politik funktioniert, konnte man am Donnerstagabend bei der letzten Debatte der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten vor der Wahl beobachten. Da stand Donald Trump, der in den vergangenen Jahren sein Präsidentenamt ausgiebig genutzt hat, um sich und seinen Kindern mehr als nur ein paar Taler zuzuschieben, und warf allen Ernstes Joe Biden vor, ein korrupter Politiker zu sein, der Geld aus Russland, China und der Ukraine erhalten habe. Trump hält die amerikanischen Wähler offenbar entweder für sehr dumm oder für sehr vergesslich.

Ja, es ist unappetitlich, wie Joe Bidens Sohn Hunter seinen Nachnamen - und damit das Vizepräsidentenamt seines Vaters - vermarktet hat. Man kann das Korruption nennen, auch wenn es eine Form von Korruption ist, der man in Washington an jeder Ecke begegnet. Menschen machen ihre Nähe zur Macht zu Geld - so funktioniert das Spiel. Und, nebenbei, unter denen, die es ganz besonders gut spielen und dadurch sehr reich werden, sind einige von Trumps engsten Freunden.

Aber Trump und seine Büchsenspanner hacken ja nur auf Hunter Biden herum, weil sie den Vater treffen wollen. Joe Biden ist im Moment drauf und dran, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Der Versuch, ihn als senilen Tattergreis zu diffamieren, ist gescheitert, ebenso der Versuch, ihm das Etikett "linksradikaler Anarchosozialist" anzuheften. Jetzt versucht das Trump-Lager also, Biden als einen bestechlichen Raffzahn hinzustellen.

Der Präsident lebt in einem Paralleluniversum - wie seine Fans

Beweise? Gibt es nicht, jedenfalls bisher nicht. Ein paar unklare E-Mails und Textnachrichten, ein dubioser Zeuge, der Biden vage Vorwürfe macht, das ist alles. Der ganze Angriff, den Trump bei der Debatte gestartet hat, wird von einem Hauch der Verzweiflung umweht. Der Präsident weiß, dass er, sofern die Umfragen auch nur halbwegs die Realität widerspiegeln, auf eine Klippe zufährt. Und er hofft, dass ein Anschlag auf den Charakter seines Herausforderers den Absturz irgendwie verhindern kann.

Doch das Problem, unter dem Amerika leidet, heißt nicht Hunter Biden, sondern Donald Trump. Und das wissen die meisten Menschen im Land sehr genau. Der Präsident kann so tun, als sei alles grandios. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Achteinhalb Millionen Corona-Infizierte, mehr als 220 000 Tote, Millionen Arbeitslose - das ist Trumps Bilanz. Trotzdem faselt der Präsident immer noch davon, was für einen "fantastic job" er gemacht habe.

Wer weiß, vielleicht kommt er damit ja durch. Trump hat sehr viele Amerikaner in sein Paralleluniversum gezogen. Und wenn man philosophisch veranlagt ist, kann man jetzt darüber grübeln, ob eine Fantasiewelt, die von genügend Menschen besiedelt wird, nicht irgendwann realer ist als die Realität. Vielleicht wachen die USA und der Rest der Welt am 4. November auf und stellen fest - voller Begeisterung oder voller Grauen, je nach politischem Standpunkt -, dass Donald Trump Präsident bleibt. Das ist zum Glück nicht sehr wahrscheinlich, aber leider auch nicht unmöglich. Daran hat die letzte Kandidatendebatte nichts geändert.

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