Vertreibung aus der Ukraine:Die Flüchtenden werden die Solidarität noch lange brauchen

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Flüchtlinge aus der Ukraine: Ein Infopoint in Deutschland

Als die ersten Flüchtenden aus der Ukraine Anfang März in Deutschland ankamen, rechneten einige damit, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Immer weniger Ukraine-Flüchtlinge kehren in ihre Heimat zurück. Denn im Osten des Landes wird alles, was die Region zu einem Zuhause für Millionen machte, in Schutt und Asche gelegt. Jetzt muss sich beweisen, wie groß die Hilfsbereitschaft in der EU wirklich ist.

Kommentar von Cathrin Kahlweit

Offiziell machen die russischen Truppen eine "operative Pause" bei ihren erbarmungslosen Angriffen auf Städte und Dörfer des Donbass. Wladimir Putin hatte angekündigt, seine erfolgreichen Soldaten sollten sich mal "ausruhen". Das klingt fast menschlich - so, als gebe der Kremlchef seinen Soldaten nach fünf Monaten Krieg endlich die Gelegenheit zum Durchschnaufen.

In Wahrheit geht das Bombardement in der Ostukraine ohne Pause weiter, und alles, was die Region zu einem Zuhause für Millionen machte, wird in Schutt und Asche gelegt. Während der Westen bereits milliardenschwere Wiederaufbauprogramme zusammenstellt, um zu zeigen, dass man an den Fortbestand der Ukraine als selbstbestimmter Staat und als Nation glaubt, erledigt die russische Armee den Auftrag ihres Chefs: Zerstört wird, wohin Ukrainer zurückkehren, und damit auch alles, wohin sie sich zurücksehnen könnten. Vernichtet wird mit der Lebenswirklichkeit auch die Identität der Menschen.

Die größte Vertreibung seit dem Zweiten Weltkrieg

Etwa 350 000 Menschen im Donbass wurden deshalb allein in den vergangenen Tagen aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Der Exodus aus den - noch - ukrainisch kontrollierten Gebieten setzt sich damit unaufhörlich fort. Etwa sieben Millionen Binnenflüchtlinge leben laut den neuesten Zahlen der UN mittlerweile in der Zentral- und Westukraine, etwa fünf Millionen jenseits der Grenzen. Insgesamt zwölf Millionen auf der Flucht - das ist ein Viertel der Bevölkerung. Und es ist die größte Vertreibungswelle in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das hat dramatische und langfristige Folgen, die im Getöse des Krieges bisher untergehen. Die ukrainische Wirtschaft liegt am Boden und wird nur mit westlicher Hilfe am Leben erhalten; die Arbeitslosigkeit explodiert, der Staat kommt mit Unterstützungsleistungen nicht hinterher. Wo Vertriebene bisher noch bei Verwandten und Freunden unterkamen, müssen sie nun zunehmend in Behelfsunterkünften wohnen. Armut und Perspektivlosigkeit sind unvermeidlich.

Für viele existiert ihre Heimat nicht mehr

Auch Flüchtlinge in westlichen Nachbarbarländern hatten auf eine baldige Heimkehr in die Ukraine gehofft; die große Hilfsbereitschaft in der EU rührte auch daher, dass man davon ausging, diese Gäste würden in absehbarer Zeit wieder abreisen. Aber ihre Heimat existiert oftmals nicht mehr. Hunderttausende, die im Westen Aufnahme gefunden hatten, waren ja zuletzt tatsächlich voller Optimismus in jene Gebiete zurückgekehrt, die von den Russen befreit oder aber nie von ihnen erobert worden waren. Derzeit geht kaum noch jemand zurück. Wohin auch? Charkiw wird wieder beschossen, Odessa immer mehr, die Städte in der Zentralukraine könnten als Nächstes ins Visier der Russen rücken. Damit wird sich die Zahl der Vertriebenen noch erhöhen.

Die Solidarität in der Ukraine selbst ist, anders als zu Beginn des Krieges 2014, diesmal enorm hoch. Als die Separatisten ihre Volksrepubliken ausriefen und Terror und Vertreibungen begannen, wurden Flüchtlinge aus dem Donbass noch mit Skepsis betrachtet; sie galten in Kiew und der Westukraine als Russenfreunde. Das ist heute anders. Die Solidarität im Land selbst wird halten, solange Hilfe kommt. Die Solidarität im Westen aber könnte wanken. Es muss jetzt von den Behörden alles getan werden, damit die Integration funktioniert. Unvermeidlich ist aber vor allem die Wahrheit: Diese Flüchtlinge, die Putin auf dem Gewissen hat, werden unsere Hilfe noch lange brauchen.

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