Türkei:Erdoğans Angst vor dem Woodstock-Gefühl

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Gezi-Proteste in der Türkei

Polizist und Demonstranten in Istanbul: Premier Erdoğan wittert eine Verschwörung gegen sich.

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

Er hat politisch fast alles erreicht. Warum lässt Premier Erdoğan am Jahrestag der Gezi-Proteste trotzdem Wasserwerfer auffahren? Weil er den Festival-Moment der Türkei fürchtet, den Traum von einem freieren Land. Dabei sind viele Aktivisten von damals inzwischen tief frustriert.

Ein Kommentar von Christiane Schlötzer

Seit zwölf Jahren hat Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei alle Wahlen gewonnen. Im August dürfte der Premier wiederum aus einer Wahl als Sieger hervorgehen und seinen Aufstieg aus einem Istanbuler Armenviertel im Präsidentenpalast in Ankara vollenden. Warum lässt ein Mann, der politisch so gut wie alles erreicht hat, 25 000 Polizisten und 50 Wasserwerfer in Stellung bringen, nur um zu verhindern, dass ein paar Tausend Menschen an ein Sommermärchen erinnern?

Erdoğans Machtdemonstration ist vor allem eine Angstreaktion. Weil in den Gezi-Tagen vor einem Jahr so vieles zuvor Undenkbare möglich schien. Die Gezi-Proteste waren der Woodstock-Moment der Türkei. Ähnlich wie einst im Amerika der späten Sechzigerjahre träumten sich 2013 junge Leute in der Zeltstadt in dem kleinen, bald niedergetrampelten Park am zentralen Istanbuler Taksim-Platz in ein liberaleres, freieres Land, ohne Barrieren zwischen Generationen und den Religionen, mit mehr Bäumen als Beton.

Es war ein kreativer, zum großen Teil friedlicher Protest. In eine Art Aufstand gegen Erdoğan und seine islamisch-konservative AKP mutierte das Gezi-Park-Festival erst unter den Tränengasschwaden und den Schlagstöcken der Polizei. Damit aber hat der Premier genau jene Geister gerufen, die er seither nicht mehr loswird.

Premier Erdoğan fürchtet eine große Verschwörung

Sie sorgen für die Furcht, der Taksim könnte sich doch noch in ein Abbild des Tahrir-Platzes von Kairo verwandeln, in einen Ort, von dem aus sich der Regierungssturz organisieren lässt. Deshalb dürfen dort weder Gewerkschafter am 1. Mai demonstrieren, noch die Blumenkinder und Baumverteidiger aus dem Gezi-Park, die Erdoğan in besonders irrlichternden Momenten als Teil einer internationalen Verschwörung gegen die Türkei bezeichnet.

Den Gezi-Demonstranten war zwar globale Aufmerksamkeit gewiss, auch weil sie die Stärke der sozialen Netzwerke entdeckten, worauf die Regierung mit absurden Websperren reagierte. Gezi war aber sonst ein sehr türkisches Phänomen. Aus dem Protest ist keine organisierte Bewegung entstanden, auch keine der existierenden, notorisch zerstrittenen Oppositionsparteien konnte von dem Unmut der Jugend bislang wirklich profitieren.

Viele der Aktivisten von damals sind inzwischen tief frustriert, angesichts von immer neuen Justiz-, Internet- und Geheimdienstgesetzen. Nicht wenige denken an Auswanderung. Hunderte sind noch angeklagt. Der Geist von Gezi lebt allenfalls in kleinen Umweltinitiativen weiter, die nach Art des Sisyphos gegen Erdoğans Mega-Bauprojekte vor die Gerichte ziehen. Dass die Hoffnungen des Sommers von 2013 nicht ganz verflogen sind, wollten diejenigen zeigen, die nun in Istanbul trotz aller Betretungsverbote versucht haben, den symbolischen Taksim-Platz zu erreichen. Sie wussten, dass schon auf dem Weg dorthin die Wasserwerfer auf sie warten würden. Déjà-vu. Die Gezi-Sympathisanten haben damit zumindest bewiesen, dass der Staat sich allein schon vor den Erinnerungen an ihre Träume fürchtet.

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