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Raumfahrt:Weil sie es können

Auf dem Weg ins All: Eine Rakete bringt drei Astronauten zur neuen chinesischen Raumstation.

(Foto: Ng Han Guan/AP)

Natürlich ist Chinas erste eigene Raumstation hauptsächlich ein Prestigeprojekt. Aber warum sonst sollte man denn bemannte Raumfahrt betreiben?

Kommentar von Marlene Weiß

Es gibt manchmal keinen klaren Grund dafür, warum Menschen die Dinge tun, die sie tun. "Weil ich es kann", sagte kürzlich die Ausnahmeturnerin Simone Biles auf die Frage, warum sie ihre unglaublichen Sprünge macht. Das ist eine einwandfreie Haltung für eine Sportlerin, die die Grenzen ihrer Möglichkeiten austestet. Es ist aber keine besonders überzeugende Begründung für ein staatliches Programm bemannter Raumfahrt - und doch ist es oft die einzige.

Nachdem am Donnerstag drei chinesische Astronauten erfolgreich das Kernmodul von Chinas erster größerer Raumstation Tiangong (Himmelspalast) bezogen haben, sind sich viele Analysten einig, dass es sich vor allem um ein Prestigeprojekt handelt. Die chinesische Führung will nach außen ebenso wie nach innen zeigen, dass das Land zur Raumfahrt-Großmacht aufgestiegen und ganz vorne mit dabei ist. Hinzu kommen neue Möglichkeiten der Raumfahrt-Diplomatie, wenn auch Astronauten aus anderen Staaten zur neuen Station fliegen dürfen, was Chinas Einfluss weiter erhöhen könnte.

China und Russland arbeiten auch an einer Mondstation

Und zumindest aus chinesischer Sicht hübsch ist natürlich auch die Symbolik, dass die internationale Raumstation ISS altert und ihrer Demontage entgegensieht, während China eine brandneue, hochmoderne Station installiert. Der Betrieb der ISS ist nur noch bis 2024 gesichert, auch wenn sie wohl bis 2028 durchhält. Spätestens dann aber könnte die chinesische Station, die auf zehn bis 15 Jahre ausgelegt ist, sogar der einzige permanente Außenposten der Menschheit im All sein. Und sie ist womöglich erst der Anfang: Chinas und Russlands Weltraumagenturen arbeiten auch an Plänen für eine gemeinsame Mondstation. Schneller dürfte allerdings der Lunar Gateway fertig sein, eine nur zeitweise bemannte Station im Mondorbit, die Nasa, Esa sowie Japans und Kanadas Weltraumbehörden entwickeln.

Nun kann man China vorwerfen, mit der menschlichen Präsenz im All Effekthascherei und Muskelspiele zu betreiben, und das ist sicherlich richtig. Aber das gilt längst nicht nur für China. Warum sollte man denn sonst Menschen ins Weltall bringen, wenn nicht um zu zeigen, dass man es kann? Wenn sich jetzt zunehmend ein neues Raumfahrt-Rennen zwischen den USA und China entwickelt, geht es allen Beteiligten nicht zuletzt um technische Machtdemonstration.

Für die Menschen auf der Erde sind die Ergebnisse bescheiden

Der wissenschaftliche Output bemannter Raumfahrt für die Menschen hier unten, das wurde oft analysiert, ist jedenfalls bescheiden. Von den zentralen ISS-Forschungsergebnissen, die die jüngste Nasa-Auswertung auflistet, befassen sich die meisten mit den Effekten der Mikrogravitation auf Menschen, Tiere und Pflanzen oder mit dem Überleben im All - Dinge, mit denen man sich nicht beschäftigen müsste, wenn man einfach auf der Erde bliebe. Die lange versprochenen Durchbrüche etwa für die Alterungs- oder Materialforschung sind bisher ausgeblieben.

Die technischen Leistungen des chinesischen Raumfahrtprogramms sind tatsächlich beeindruckend. Binnen kürzester Zeit hat China die enorme Expertise aufgebaut, die zum Betrieb einer über längere Zeiträume bemannten Station nötig ist. Wie schön wäre es, wenn überall auf der Welt dieser unbedingte Leistungswille, das Fachwissen, der Erfindungsreichtum und auch all das Geld darin flössen, die gute alte Erde intakt zu halten. Nicht weil man es kann, sondern weil man muss.

© SZ/kus
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Antonis Schwarz

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