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Ramelows Clubhouse-Debüt:In der Pandemie braucht es Besonnenheit statt raumgreifender Egos

Bodo Ramelow, Ministerpräsident Thüringen

Hier macht Bodo Ramelow nur ein Foto mit seinem Mobiltelefon, nach eigener Äußerung spielt er aber auch gern darauf - während der Corona-Sitzungen.

(Foto: JENS SCHLUETER/AFP)

Ministerpräsident Ramelow plaudert sich auf der Social-Media-App Clubhouse um Kopf und Kragen. Was in Thüringen fast schon Tradition hat, schadet in der Pandemie.

Kommentar von Ulrike Nimz, Leipzig

Über Bodo Ramelows Twitter-Profil, 72 000 Follower, steht nicht etwa: Ministerpräsident des Freistaates Thüringen. Da steht: Mensch. Das mag banal erscheinen, natürlich sind Politiker auch Menschen, was sonst? In Ramelows Fall soll die Selbstbeschreibung wohl auch als Disclaimer verstanden werden: nahbar, fehlbar, halbwegs privat hier.

Das ist natürlich reichlich kokett. Mindestens so sehr wie Mensch ist Ramelow ein Political Animal, ein Polit-Profi, der sehr wohl weiß, dass er in den sozialen Netzwerken nichts unabhängig von seiner Position als Landeschef äußern kann. Schon gar nicht bei "Clubhouse", einem elitären Zirkel aus Politikern, PR-Strategen und Hauptstadtjournalistinnen mit Apple-Sozialisation.

Dort also, in einem "Raum" mit mehr als 1000 Leuten, gestand Ramelow freimütig, dass er während der endlosen Corona-Konferenzen mit der Kanzlerin gern mal Candy Crush zockt wie ein Pubertier im Homeschooling. Deutschlands mächtigste Frau nannte er "Merkelchen", wie es sonst eher jene Partei tut, deren Abgeordneten Ramelow im Thüringer Plenarsaal schon mal den Stinkefinger zeigt. Nein, das Clubhouse-Debüt von Thüringens Ministerpräsident war kein Lapsus eines Politikers, der in Wochenendlaune vergessen hat, wo er ist. Ramelow war einfach Ramelow, und das ist zunehmend ein Problem.

Die Rolle des Klartexters, des polternden Pragmatikers ist eine, die Thüringens Regierungschef seit Jahren mit Hingabe ausfüllt. Man kann damit Wahlen gewinnen, sogar als Linker, zumindest als Mann. In Zeiten, in denen Politiker nicht selten einen ganzen Tross beschäftigen, um vorsorglich noch den letzten Funken Menschlichkeit aus Zitaten zu bürsten, sind Interviews mit Bodo Ramelow zweifellos besonders, ein bisschen wie Achterbahnfahrten.

Langweilig sind Interviews mit Ramelow nie

Je nach Tagesform des Ministerpräsidenten können sie ein großer Spaß sein, sehr fordernd oder manchmal auch abrupt vorbei. Langweilig sind sie nie. Als Ramelow gegenüber der FAZ einräumte, die Pandemie und ihre Gefahren unterschätzt zu haben, war die Resonanz beachtlich und fast ausschließlich wohlwollend. Politiker, die Fehler eingestehen, sind noch immer die exklusivere Nachricht als Politiker, die Fehler machen.

Dabei haben Ramelows Eruptionen, sein teils widersprüchliches Auftreten in der Corona-Pandemie, sein Wandel vom Mahner zum Macher und wieder zurück sein wackliges Vier-Parteien-Konstrukt in Thüringen mehr als einmal belastet. In einer Krise von historischem Ausmaß braucht es keine raumgreifenden Egos, sondern eine klare politische Linie, Besonnenheit und Demut. Statt durch unüberlegte Äußerungen die Twitter-Trends anzuführen, muss Ramelow sein Land und dessen Bürger aus dem Lockdown führen. Dann können vielleicht irgendwann auch die analogen Clubs wieder öffnen.

© SZ/gal
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