Süddeutsche Zeitung

Proteste in Bangkok:Thailands Monarchie muss sich modernisieren

Nur so kann das gespaltene Land inneren Frieden finden. Die Zeiten, in denen ein thailändischer König als unantastbar gilt, neigen sich langsam ihrem Ende zu.

Kommentar von Arne Perras

Thailands König liebt es, durchs Alpenvorland zu radeln, er ist gern in Bayern, auch wenn da kaum einer geneigt ist, sich vor ihm in den Staub zu werfen, wie es die Tradition vom Volk in Thailand verlangt. Andererseits ist für Rama X. zu Hause in Bangkok nicht mehr alles so, wie es war. Der Monarch hat Süddeutschland kürzlich verlassen und ist zurückgekehrt in die Heimat. Doch statt huldvoller Unterwerfung erlebt er dort nun andere Szenen. Studenten marschieren, furchtlos recken sie drei Finger in die Höhe, das rebellische Zeichen aus den Romanen und Filmen "Die Tribute von Panem". Sie fordern so das regierende Militär heraus, die Schutzmacht des Monarchen. Der König wird sich dem Konflikt kaum entziehen können.

Die Studenten prangern die Tricksereien der Armee an, die seit ihrem Putsch 2014 eine Rückkehr zur Demokratie vorgaukelt, aber gar nicht daran denkt, Bürgerrechte und faire Beteiligung zu gewähren. Untrennbar verbunden ist damit nun die heikelste aller Fragen: Welche Rolle soll die Monarchie im Thailand des 21. Jahrhunderts noch spielen? Schon darüber zu debattieren, gilt konservativen Königstreuen als Majestätsbeleidigung, wer sich vorwagt, muss mit langer Gefängnisstrafe rechnen. Der entsprechende Paragraf ist eine der schärfsten Waffen des Militärs, um das Volk einzuschüchtern. Umso erstaunlicher ist, was in Bangkok geschieht: Menschen begehren auf, rütteln an einem uralten Tabu.

Regierung verhängt Versammlungsverbot - Polizei nimmt Protest-Anführer fest

Die Regierung in Thailand greift nach der jüngsten Großdemonstration in Bangkok hart durch: Ministerpräsident Prayut Chan-o-cha erließ am Donnerstag eine Dringlichkeitsverordnung und verhängte ein Versammlungsverbot.

Zusammenkünfte von mehr als fünf Menschen sind in Bangkok nun verboten, berichtete die Zeitung Bangkok Post. Ein Polizeisprecher bestätigte, dass 20 Aktivisten inhaftiert worden seien, unter ihnen die wichtigsten Anführer der Bewegung. Zudem zog ein Großaufgebot von Sicherheitskräften zu dem Ort in der Nähe des Regierungssitzes, an dem die Demonstranten nach der Kundgebung vom Mittwoch kampiert hatten. Die meisten waren da aber schon abgezogen.

Anon Nampa, einer der Hauptanführer der Proteste, hatte zuvor gesagt: "Wenn sie wirklich angreifen, dann haben wir vereinbart, still zu sitzen und nicht mit ihnen zu streiten. Mal sehen, ob sie es wagen, Gewalt gegen das Volk anzuwenden." Nampa wurde später festgenommen.

Seit den fragwürdigen Wahlen 2019 gab es bereits einige Proteste, doch stets war der König außer Landes, er zog es vor, in Corona-Zeiten in Bayern zu sein, was den Frust zu Hause mehrte. Nun ist er da, und die Frontstellung hat man in dieser Schärfe noch nicht erlebt. Königstreue sind aufmarschiert, in Gelb, den Farben der Monarchie, auf der anderen Seite Studenten, die eine neue Verfassung fordern. Das Risiko, dass Befürworter und Kritiker aneinandergeraten, wächst, auch wenn es an diesem Mittwoch zu keinen Gewaltausbrüchen kam.

Der 14. Oktober ist symbolisch aufgeladen. An jenem Tag im Jahr 1973 schlug die Armee Proteste der Demokratiebewegung brutal nieder, das damalige Militärregime ließ auf Menschen schießen, Dutzende starben, Hunderte wurden verletzt. Die Monarchie hat diese Krise und andere danach überstanden. Allerdings treten ihre anachronistischen Merkmale fast 50 Jahre später immer offener hervor. Rama X., Erbe des legendären Bhumibol, möchte die Proteste womöglich aussitzen, doch das ist schwierig, weil die Unzufriedenheit wächst.

Der König hat seine Rolle oft auf eine Weise zelebriert, die sprachlos macht, allein der Umgang mit seinen Frauen und Nebenfrauen verdeutlicht das. Er hebt sie erst in den Himmel, um sie dann, eine nach der anderen, ganz tief fallen zu lassen. Im Akt maximaler Demütigung zeigt sich ein absolutistischer Machtanspruch. Der König gibt, der König nimmt. Aber nun regt sich Widerstand.

Das Bittere ist, dass der Konflikt das Land noch tiefer spalten wird, zudem lähmt die Militärherrschaft von Königs Gnaden Kreativität und Wirtschaftskraft. Thailand wird nur inneren Frieden finden, wenn es das Erbe der Monarchie mit den Anforderungen einer modernen, zunehmend aufgeklärten Gesellschaft in Einklang bringt. Die Zeiten, in denen ein thailändischer König als unantastbar galt, neigen sich langsam ihrem Ende zu.

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Quelle:
SZ vom 15.10.2020/saul/cat
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