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Thailand:Der sanfte Revolutionär

(Foto: Lauren DeCicca/Getty Images)

Anon Nampa will nur eines: eine Debatte über die Zukunft des Königshauses in Thailand anstoßen. Das ist ihm gelungen. Ein ungeheuerlicher Vorgang in dem südostasiatischen Land.

Von Arne Perras

Auf einmal war es raus, die Mauer des Schweigens eingerissen, ein paar Sätze nur, vorgetragen auf einer improvisierten Tribüne in Bangkok. Seit jenem Tag, dem 3. August 2020, trauen sich Menschen in Thailand plötzlich, über ein Thema zu reden, das viele bis dahin nicht einmal im Flüsterton behandelt hätten: die Zukunft der Monarchie.

Anon Nampa hat das alles angestoßen, Menschenrechtsanwalt, 36 Jahre alt. Er hat als Erster das Tabu gebrochen und offen gefordert, dass Thailand seine Monarchie reformieren müsse. Dafür bewundern ihn nun Tausende Schüler und Studentinnen im Land, Anons furchtlose Art und seine Entschlossenheit spornen sie an.

Hohe Stirn, Brille, ein fülliges Gesicht. Sein Äußeres wirkt unauffällig, doch sobald der Mann spricht, horchen die Leute auf. "Anon hat eine sehr geschliffene Sprache", sagt am Telefon eine Demonstrantin, die täglich alle Nachrichten über ihr Vorbild verfolgt. Die Reden des 36-Jährigen haben sie ermuntert, selbst auf die Straße zu gehen und gegen die Militärregierung zu protestieren, die aus Sicht der Jugend nötige Reformen blockiert.

Für Ultranationalisten und konservative Königstreue sind dies irritierende Zeiten, einen wie Anon betrachten sie als respektlosen Störer, der für so viel Ungeheuerlichkeit bestraft gehöre. Ein Weltbild gerät gerade ins Wanken. Denn auf einmal scheint es so, als schwebe Seine Majestät Rama X. gar nicht mehr unantastbar über allem.

Deshalb sitzt Anon im Gefängnis, wieder einmal, schon im Sommer hatte ihn die Polizei wegen angeblicher Aufwiegelung festgenommen, zwischendurch war er auf Kaution wieder freigekommen. Aber nicht für lange.

Das Militär rechtfertigt seine Herrschaft mit dem Auftrag, König und Hof zu beschützen. Die Putschisten, die sich in ziviles Gewand hüllen, fürchten Leute wie Anon, sie lassen diese einsperren und dann wieder frei. Die Armee schwankt zwischen Härte und Nachgiebigkeit, es ist ein taktisches Spiel im Ringen um die Gunst des thailändischen Volkes.

Anon stammt aus einer Bauernfamilie im Nordosten Thailands, in den ärmeren Gegenden betrachtet man die privilegierten Schichten Bangkoks schon seit langer Zeit mit wachsender Frustration. Immer stärker fühlte sich zuletzt aber auch die urbane Jugend ausgeschlossen von politischer Teilhabe. Anon hat diesem Lebensgefühl eine kraftvolle Stimme gegeben.

Er stemmt sich gegen eine Armee, die den Hüter der Einheit gibt in einem Land, das schon lange nicht mehr einig ist. Dazu passte Anons Auftritt im Sommer. Eine kleine Gruppe versammelte sich, in Harry-Potter-Kostüme gehüllt. Anon Nampa ganz in Schwarz, mit rot-gelb- gestreiftem Schal. Neben der Bühne ein Bild mit goldenem Rahmen. Diesen Stil kennen alle Thailänder, normalerweise leuchten aus solchen Rahmen die Königsporträts hervor, sie säumen Autobahnen und Plätze, meist überlebensgroß. Jahrzehntelang zeigten sie Seine Majestät Bhumibol Adulyadej. Und später dessen Sohn und Nachfolger Maha Vajiralongkorn. Nur dass das Bild, das die Demonstranten am 3. August platziert hatten, eine Figur aus dem Harry-Potter-Universum zeigte: Es war der finstere Voldemort.

Solche Provokation hatte man in Bangkok früher nicht gesehen. Statt eines Zauberstabs hält Anon an jenem Tag das Mikrofon in der Hand und fordert also, es sei an der Zeit, über die Rolle des Königs in der thailändischen Politik zu diskutieren. "Wir träumen von einer Monarchie, die mit der Demokratie koexistiert", wird er etwas später Tausenden Demonstranten in Bangkok zurufen, als die Proteste an Fahrt aufnehmen. Damit hat Anon das Leitmotiv ausgegeben, an dem sich die Proteste der Jugend orientieren.

Anon, ein Revolutionär? Gewalttätig klingt er nicht, er wolle eine "konstruktive" Debatte über das Königshaus anstoßen, keine Abschaffung der Monarchie, sagt er.

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