Klimaneutralität:Ohne Erdgas keine Energiewende

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Klimaneutralität: Der Verbrauch von Erdgas ist nicht nachhaltig, aber erst einmal noch notwendig.

Der Verbrauch von Erdgas ist nicht nachhaltig, aber erst einmal noch notwendig.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Die EU-Kommission möchte Gaskraftwerke gerne als "grüne" Technologie etikettieren. Natürlich ist das Augenwischerei. Und trotzdem: Ohne den fossilen Energieträger geht erst einmal nichts.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Reihenweise sind in den vergangenen Tagen in Deutschland Hebel umgelegt worden. In den Atomkraftwerken Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen. In den rheinischen Braunkohleblöcken in Weisweiler, Neurath, Niederaußem. Kein Zweifel: Die Energiewende rollt.

Nur ist es noch keine Energiewende, wenn irgendwer irgendwo Kraftwerke abschaltet und woanders Windräder und Solarzellen ans Netz gehen. Sie ist mehr als der Übergang von nuklearen oder fossilen zu erneuerbaren Quellen. Sie ist ein Wandel im System, weg vom steten Stromfluss fossiler Großkraftwerke, hin zu einem in jeder Hinsicht eng vernetzten, dezentralen System aus grüner Energie. Und genau hier kommt das Erdgas ins Spiel.

Die Ampel hat die Notwendigkeit klar erkannt

Dieser Tage ist es schwer in der Kritik. Die EU-Kommission will Investitionen in Gaskraft, ebenso wie in Atomenergie, als nachhaltig einstufen. Die Ampel-Koalition ist in der Bredouille, weil sie einerseits von Atomenergie nichts wissen will, aber andererseits auf neue Gaskraftwerke setzt - Klimaschutz hin oder her. Erdgas, so hat sie extra im Koalitionsvertrag festgehalten, "ist für eine Übergangszeit unverzichtbar". Ob es einem gefällt oder nicht: Genau so ist es.

Denn so gut die Energiewende für Klima, nukleare Sicherheit und Unabhängigkeit von Energieimporten ist - im Handling ist sie anspruchsvoll. Strom aus Wind und Sonne schwankt. Er verlangt Speicher, um Flauten und trübe Tage zu überbrücken, ein dichtes Stromnetz in alle Nachbarländer, um Engpässe gegenseitig auszugleichen - und eben Gaskraftwerke.

Sie können schnell einspringen, wenn es eng wird im Netz. Sie lassen sich auf das ganze Land verteilen und sind vergleichsweise schnell errichtet. Neben Strom können sie auch Nah- und Fernwärme erzeugen und so die Energie effizient ausnutzen. Perspektivisch lassen sie sich mit größeren Anteilen an grünem Wasserstoff oder synthetischem Methan betreiben, sie würden also klimafreundlicher. Klimaschützer hören es ungern: Ohne die Brücke Erdgas wird die Energiewende nicht gelingen.

Die Bundesregierung steht vor einem Dilemma

Nur grün und nachhaltig, das ist Erdgas deshalb noch lange nicht. Hier liegt der Denkfehler der EU-Kommission, die Investitionen in moderne Gaskraftwerke mit ihrer Taxonomie nun zumindest vorübergehend als "nachhaltig" stempeln will. Erdgas mag klimafreundlicher sein als Kohle, aber es bleibt ein fossiler Energieträger, mit allen Folgen für die Atmosphäre. Es braucht Investitionen in moderne Gaskraftwerke. Aber klimabewegten Geldgebern vorzumachen, sie steckten ihr Geld damit in "grüne" Technologien, ist schlicht Augenwischerei.

Das stellt auch diese Bundesregierung vor ein Dilemma. Einerseits braucht sie Erdgas für die Stabilität des Stromnetzes, andererseits verlangen die Klimaziele einen sinkenden Gasverbrauch - bis hin zur Netto-Null 2045, wenn Deutschland unter dem Strich keine klimaschädlichen Emissionen mehr verursachen soll.

Gelingen kann dieser Spagat kurzfristig nur durch eine Energiewende in den Heizungskellern - durch Gebäude, die weniger Energie brauchen, diese aber zunehmend aus Kombinationen von Solarenergie und Wärmepumpen beziehen, nicht aus Gaskesseln. Und dann, auf lange Sicht, mit einem stabilen System aus viel mehr Ökostrom-Anlagen, Speichern, Stromnetzen und regenerativ erzeugtem Wasserstoff. Die Technologien sind da, der Pfad gewinnt Konturen. Aber er liegt jenseits der Brücke.

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