Tag des offenen Denkmals:Sein mit Schein

Tag des offenen Denkmals: Retro-Stil, schon damals: Schloss Friedelhausen, 1852 erbaut, zwischen Gießen und Marburg gelegen, gehört zu den Attraktionen am "Tag des offenen Denkmals".

Retro-Stil, schon damals: Schloss Friedelhausen, 1852 erbaut, zwischen Gießen und Marburg gelegen, gehört zu den Attraktionen am "Tag des offenen Denkmals".

(Foto: Roland Rossner/Deutsche Stiftung Denkmalschutz)

Bevor der Kölner Dom zu Loftwohnungen umgebaut wird, lohnt es sich, das architektonische Erbe Deutschlands zu besichtigen. Auch als Lehre für das Bauen der Zukunft.

Von Gerhard Matzig

Wenn an diesem Sonntag Denkmale in ganz Deutschland ihre Tore öffnen, kann man durch die Baugeschichte wandern. Präsentiert wird von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zum Beispiel ein 400 Jahre altes Fachwerkhaus in Striegistal, Sachsen. Oder ein Wehrturm aus dem 15. Jahrhundert im bayerischen Schwandorf, der schon Carl Spitzweg inspirierte. Oder ein Kornspeicher in Lübeck. Der sehenswerte Backsteinbau ist nicht nur ein Industriedenkmal von Rang - das Haus, erbaut von Thomas Johann Heinrich Mann, wurde vom Sohn und späteren Nobelpreisträger Thomas Mann auch in den "Buddenbrooks" verewigt.

Wer jetzt denkt, wie schön es doch ist, in einer zu Architektur gewordenen "raunenden Beschwörung des Imperfekts" (Thomas Mann) herumzulaufen, ist dem hintergründigen Denkmaltag-Motto "Sein & Schein" schon auf den Leim gegangen. Das reiche architektonische Erbe Deutschlands, das Kriege halbwegs und den Wiederaufbau-Furor viertelwegs überstanden hat, lässt sich gut unter diesem Motto diskutieren. Die Baugeschichte hat viel Sein produziert. Häuser, Städte und Kulturlandschaften bezeugen das bis heute lehrreich und sinnlich. Sie hat sich aber, immer schon illusionistisch veranlagt, auch selten dem Schein versagt. Im Barock erreicht etwa das Trompe-l'œil (französisch: "Augentäuschung") einen Höhepunkt.

Alles, was alt ist oder so wirkt, hat Konjunktur

Richtig ist aber auch: Was die baulichen Denkmale angeht, so liebt das Publikum immer mehr den schönen Schein - will aber vom wesentlich anstrengenderen Sein immer weniger wissen.

Rekonstruktionen wie die des Berliner Stadtschlosses finden viel Beifall. In der Architektur erlebt das lange verschmähte Ornament eine Renaissance. Retro ist angesagt. Und das Innenministerium ist nun auch ein Heimatministerium, weil der Kampf um stadträumliche Identitäten auch auf politischem Terrain entschieden wird. Alles, was alt ist oder so wirkt, hat Konjunktur. Oft geht es jedoch lediglich um Fassaden, um den Anschein von Geschichtlichkeit und Authentizität.

Auf der anderen Seite gerät die Denkmalpflege politisch und ökonomisch immer stärker unter Druck. Ein Beispiel dafür ist die für Ende des Jahres geplante, fragwürdige Novellierung des Denkmalschutzgesetzes in Nordrhein-Westfalen. Darin wird der Denkmalschutz investorenfreundlich umgebaut - zu Lasten des Denkmals. Würde dieses Schutzgesetz, das eher Abrissbirnen aufwertet, Realität werden, ließe sich auch der Kölner Dom relativ unproblematisch umbauen zu Loftwohnungen und Bürotrakten. Mit einem Hauch von Gotik. Denkmalschützer warnen vor dem neuen Gesetz. Hoffentlich nicht vergebens.

Bauten, die man liebt, ehrt und erhält, sind ein Beitrag zur Nachhaltigkeit

Nach dem Krieg gab es Städte, die leichten Herzens ihre oft nur angekratzten Architekturzeugnisse opferten, um sich begeistert und meist autogerecht umbauen zu lassen. Heute ist dieser Irrsinn entlarvt. Aber die Bauten sind dahin. Wie auch die zuvor in Jahrhunderten entwickelten Stadtstrukturen. Bis jetzt steht in Deutschland nur vier Prozent der gesamten Bausubstanz unter Denkmalschutz. Überall sind Bauzeugnisse bedroht. Vom Neubauwahn einerseits. Vom Energieeffizienz-Dogma andererseits - das meist nur die Heizkosten berücksichtigt, nicht die gesamte Energiebilanz bestehender Bauten. Nötig ist mehr Sein als Schein. Bauten, die man liebt, ehrt und erhält, sind übrigens ein Beitrag zur Nachhaltigkeit. Dieser Sonntag ist ein guter Tag, um sich mal wieder zu verlieben.

© SZ/jsl
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