MeinungSudan:Es bleibt kaum noch Zeit, einen weiteren Massenmord in Darfur zu verhindern

Portrait undefined Arne Perras

Kommentar von Arne Perras

Lesezeit: 2 Min.

In einem Lager in El Fasher wird ein Kind wegen Mangelernährung untersucht. Der Millionenstadt scheinen neue Kämpfe zwischen Armee und der Miliz RSF bevorzustehen.
In einem Lager in El Fasher wird ein Kind wegen Mangelernährung untersucht. Der Millionenstadt scheinen neue Kämpfe zwischen Armee und der Miliz RSF bevorzustehen. (Foto: WFP/via REUTERS)

Der Anführer der RSF-Miliz ruft eine Parallelregierung im Sudan aus. Sein Vorstoß spaltet das vom Krieg gepeinigte Land. Und heizt die Gewalt gefährlich an.

Der Anführer der sudanesischen Miliz RSF hat offenbar Sinn fürs Symbolische. Pünktlich zum Start in das dritte Kriegsjahr im Sudan hat Mohammed Hamdan Dagalo, genannt Hemeti, eine Parallelregierung für „Frieden und Einheit“ ausgerufen, er spricht von einer „breiten Koalition, die das wahre Gesicht des Sudan widerspiegelt“. Diese Ankündigung ist eine einzige Farce, angesichts der Grausamkeiten, mit der Hemetis Kämpfer schutzlose Zivilisten in Darfur ins Verderben treiben.

Hemetis Erklärung war lange zu befürchten. Sie folgt dem Kalkül, politisch abzusichern, was die RSF in zwei Jahren brutal erobert haben. Der RSF-Führer ist der Herr über den Westen des Sudan, er herrscht mit seiner arabisch dominierten Miliz über große Teile Darfurs. Doch wie das wahre Gesicht des Sudan dort aussieht, das er so feierlich beschwört, zeigen die jüngsten Schreckensmeldungen. Hunderte Menschen wurden bei RSF-Attacken auf das Vertriebenencamp Zamzam getötet, Tausende fliehen in Panik, wissen nicht wohin.

Die RSF haben sich den Ruf einer mörderischen Bande von Plünderern erworben, ohne jede Achtung für das Leben jener, die sie als minderwertig erachten. Dass sich Hemeti jetzt so staatsmännisch gibt, dass er gar versichert, er gründe gerade einen „Rechtsstaat“, markiert einen Tiefpunkt in der sudanesischen Geschichte. Vertriebene dürften Hemetis Propaganda als blanken Hohn empfinden. Dies ist ein Mann, dem aus guten Gründen mutmaßlicher Völkermord an nicht-arabischen Ethnien vorgeworfen wird. Diesen Menschen fehlt jeder Schutz, sie müssen mit weiteren Höllenqualen rechnen.

2021 arbeiteten Burhan und Hemeti noch zusammen

Es ist aber auch nicht so, als ließe sich der Kampf zwischen der Armee SAF und der Miliz RSF einfach aufdröseln, nach Gut und Böse. Auch den sudanesischen Streitkräften werden Kriegsverbrechen zur Last gelegt, willkürliche Erschießungen mutmaßlicher RSF-Kollaborateure, Luftangriffe mit vielen zivilen Opfern, Blockaden humanitärer Hilfe. Gleichzeitig ist nicht zu übersehen: Im Laufe der Kämpfe haben sich Klagen massiv verdichtet, wonach die RSF umfassenden Terror gegen die Bevölkerung betreiben, Frauen und Mädchen vergewaltigen und versklaven, ganze Landstriche ausplündern und Massenvertreibungen organisieren, so wie in El Geneina 2023.

Das erleichtert es der Armee, sich als Beschützer anzubieten. Viele im Land haben aber auch nicht vergessen: das Regime von General Abdel Fattah al-Burhan, dessen Truppen die Hauptstadt Khartum von der RSF-Miliz zurückerobert haben, ist einem Putsch entsprungen. 2021 arbeiteten Burhan und Hemeti noch zusammen, um die zivilen Kräfte einer gemeinsamen Übergangsregierung auszuschalten. Erst danach eskalierte ihre Rivalität, öffneten die Generäle das Tor zum großen Krieg.

Hemeti zementiert die Teilung des Landes

Obgleich es auch Burhan an politischer Legitimität mangelt, erkennen die Vereinten Nationen sein Regime als staatliche Autorität an. Auf der UN-Bühne vertreten Burhan und seine Minister den Sudan, nicht die RSF. Hemeti zielt darauf, den Status quo zu untergraben, er schafft eine Gegenregierung, was schwerwiegende Konsequenzen für die Zukunft hat. Er zementiert die Teilung des Sudan in Ost und West. Und er fördert den unheilvollen Trend, dass sich zivile politische Kräfte auf die eine oder andere Seite schlagen.

Mohamed Hamdan Dagalo, Rufname Hemeti, hier in einer Aufnahme von 2019.
Mohamed Hamdan Dagalo, Rufname Hemeti, hier in einer Aufnahme von 2019. (Foto: ASHRAF SHAZLY)

Verheerend ist, dass Hemetis Vorstoß den Kampf um die Millionenstadt El Fasher noch weiter anheizt. Dort sind mehr als eine Million Menschen gefangen, sie hungern und ersehnen Schutz. El-Fasher ist der letzte größere Stützpunkt der Armee, die sich mit einigen darfurischen Milizen gegen Hemetis Macht verbündet hat.

Gelingt es den RSF, die Stadt zu erobern, droht eine neue Runde genozidaler Gewalt. Der Staatengemeinschaft bleibt nicht viel Zeit, um den gefürchteten Massenmord noch abzuwenden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Afrika
:UN: Hunderte Tote bei Kämpfen um Flüchtlingslager im Sudan

In der Darfur-Region seien mutmaßlich mehr als 300 Zivilisten getötet worden, teilt das UN-Nothilfebüro mit. In London befassen sich an diesem Dienstag Vertreter aus etwa 20 Staaten mit dem Krieg im Sudan.

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: