Krieg in der Ukraine:Die Schreckenswaffe

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Krieg in der Ukraine: Alle Waffen können Schreckliches anrichten, doch die Streubombe ist besonders heimtückisch.

Alle Waffen können Schreckliches anrichten, doch die Streubombe ist besonders heimtückisch.

(Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP)

Der Einsatz von geächteter Streumunition vor allem durch die russische Armee ist ein Verbrechen. Opfer sind überwiegend Zivilisten - und sollen es in der unmenschlichen Logik dieses Angriffskriegs auch sein.

Kommentar von Joachim Käppner

Sie töten und verwunden wahllos auf großer Fläche, wer sie abfeuert, muss nicht genau zielen; er kann sich sicher sein: Das Mordinstrument wird schon jemanden treffen. Wie die Menschen, die am 13. März im ukrainischen Mykolajiw vor einem Geldautomaten warteten und plötzlich von den Geschossen erfasst und getötet wurden. Streubomben sind eine besonders heimtückische Waffe, sie bestehen aus einer Bombe oder einem Sprengsatz, der sich kurz über dem Ziel in Dutzende kleine Bomben zerlegt.

Wer Terror gegen die Zivilbevölkerung verbreiten will, hat mit Streubomben die Waffe der Wahl gefunden. Das ist der Grund, warum Wladimir Putins Militär cluster munitions - so der internationale Fachbegriff - nach sorgfältigen Recherchen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beim Zerstörungskrieg gegen die Ukraine in großem Maße einsetzt. In einigen Fällen haben auch die Ukrainer die russische Armee damit beschossen.

Natürlich sind alle Waffen schrecklich; dennoch gibt es anerkennenswerte Versuche, zumindest die schlimmsten zu bannen und damit der Zivilbevölkerung wenigstens einiges Leid zu ersparen. Eine zusätzliche Tücke der Streumunition ist ihre Unzuverlässigkeit: Nie explodieren alle Cluster-Bomben; die übrigen bleiben im Gelände liegen und bilden eine verheerende Gefahr für alle, die versehentlich mit ihnen in Berührung kommen, ob spielende Kinder oder Bauern auf dem Feld. 123 Staaten der Welt einschließlich Deutschland, aber leider nicht die beiden kriegführenden Staaten, haben daher die Konvention gegen Streumunition unterschrieben, die seit 2010 völkerrechtlich gilt, vergleichbar der internationalen Ächtung von Landminen.

Russland setzt gezielt auf eine Kriegsführung des Schreckens

Die Nichtbeachtung des Abkommens ist übrigens kein russisches Privileg, auch China und die USA sind dem Abkommen ferngeblieben. Die Amerikaner haben etwa im Irak 2003 cluster munitions eingesetzt, angeblich nur gegen militärische Ziele. Die Trump-Administration behauptete, auf Streubomben nicht verzichten zu können, und auch jetzt ist kein Wandel in Sicht. Die russische Armee freilich hat die killing fields des syrischen Bürgerkrieges bereits als Testgelände für diese Waffe im Besonderen wie auch einer Kriegsführung des Schreckens im Allgemeinen genutzt. Systematische, entgrenzte Gewalt gegen Zivilisten ist ihr prägender Zug. Morde, Folter, Vergewaltigungen, geächtete Waffen: Für das Völkerrecht hat die Putin-Regierung nur Hohn übrig.

Es ist das Grauen, und die meisten Menschen auch im Westen empfinden es so - außer den letzten Putinisten und Verbohrten, die das eigentliche Problem in der Nato sehen und in den Ukrainern, weil diese sich einfach nicht massakrieren und unterjochen lassen wollen. Doch bei allem Zorn über die entsetzlichen Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee: Es ist weiterhin richtig, dass die Nato bei ihrer besonnenen Politik bleibt und die Ukraine zwar mit Waffen und Informationen unterstützt, damit Putins Russland nicht gewinnt und verhandeln muss, aber keinesfalls militärisch zu intervenieren und somit einen Atomkrieg zu riskieren. Das kann niemand wollen.

Auch das Schicksal der eigenen Soldaten? Schert den Kreml wenig

Die Opfer des Putin'schen Angriffskriegs sind zuerst die Menschen in der Ukraine. Zu den Opfern gehören aber auch viele der russischen Soldaten, deren Tod oder Verstümmelung den Herrschenden im Kreml ebenso gleichgültig sind wie das Leid der Angehörigen. Ein weiteres Opfer könnte, auf lange Sicht, der weltweite Versuch sein, besonders schreckliche Waffen wie die Streumunition zu ächten. Denn die Chancen, eine Waffe dauerhaft und umfassend zu bannen, die im größten Krieg der Gegenwart ständig eingesetzt wird, schwindet mit jedem Tag, den er andauert. Es wäre ein schrecklicher Rückschritt.

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