Skifahren und Corona:Franz Hörl

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(Foto: imago)

Cheflobbyist der Seilbahnbranche in Österreich

Von Dominik Prantl

Womöglich braucht jeder Lobbyverband, jede Partei und jede Mannschaft einen wie Franz Hörl. Einen, der - um im Sportduktus zu bleiben - weder sich selbst noch die anderen schont, der im öffentlichen Diskurs gerne die Blutgrätsche auspackt und dann unschuldig mit den Schultern zuckt: War da was? Den "politischen Pitbull-Terrier der Tiroler Volkspartei" nannte Der Standard den ÖVP-Nationalratsabgeordneten und gemeinhin schlicht zum "Seilbahnchef" verkürzten Obmann des Fachverbands der Seilbahnen in der Wirtschaftskammer Österreich - es war eher nicht respektvoll gemeint.

Zuletzt wurde der Wadenbeißer der Branche wieder auffällig, als er ein Ende der vorgeschriebenen maximal 50-prozentigen Auslastung in Gondeln und Liften forderte. Erst diese hätten laut Hörl zu den Menschenansammlungen in einigen Skigebieten Österreichs und der anschließenden Kritik in den Medien geführt. Das mag zwar stimmen, ist epidemiologisch jedoch zumindest fragwürdig.

Erst zwei Wochen zuvor hatte der Seilbahnchef einen "massiven Anschlag auf die Branche" seitens der Bundesregierung gewittert, nachdem diese weitere Sicherheitsmaßnahmen in den Seilbahnen beschlossen hatte. Es handelt sich hier um dieselbe Regierung aus seiner ÖVP und den - von Hörl regelmäßig geschmähten - Grünen, die eine Öffnung der Skigebiete während des dritten Shutdowns überhaupt ermöglicht hatte.

In Hörls nach oben offener Polter-Skala sind solche Sätze eher ein müdes Grummeln, wobei Hörl selbst ohnehin lieber von "klaren Worten" spricht, die er in alle Richtungen verteilt. Generell stehen bei einem konservativen Volkstribun wie ihm die Zielscheiben seiner Tiraden aber eher links der Mitte und abseits der Piste. Als etwa die geplante Verbindung von St. Anton und Kappl zu einem Skigebietsmonstrum vom Bundesverwaltungsgericht gestoppt wurde, bezeichnete er die Gutachterin und Universitätsprofessorin Ulrike Pröbstl-Haider als "Landschaftsgärtnerin". 2011 antwortete er auf die Frage, wie viele Frauen im Landwirtschaftsministerium arbeiteten, mit dem Satz: "Irgendeine Putzfrau wird es schon geben."

Publik wurde im vergangenen März zudem ein SMS-Verkehr zwischen Hörl und dem Wirt des inzwischen als Corona-Brutstätte berühmten Kitzlochs in Ischgl, den Hörl zur Schließung des Lokals aufforderte. Sonst drohe die Gefahr, wie ein "Hottentotten-Staat" dazustehen und auf der "deutschen Liste" zu landen. In einer Woche oder zehn Tagen sei ja vielleicht schon "Gras über die Sache gewachsen", lautete Hörls Rat.

Auch wenn der Seilbahnchef - sogar rein phänotypisch - mitunter wirkt, als hätte er sich direkt aus einem klischeebeladenen Tiroler Regionalkrimi materialisiert, so nötigt sein Aufstieg zum Seilbahnfürsten durchaus Respekt ab: Hörl, Jahrgang 1956, wurde während der skitouristischen Aufbruchstimmung in den Siebzigern sozialisiert - noch dazu im Zillertal, wo die Liftmasten seitdem besonders hoch in den Himmel wachsen. Er gehört damit zu jener alten Garde der Skigebiets-Apostel, die nicht immer zu Unrecht fragen, was all die Fuzzis aus der Stadt oder gar aus Deutschland übers Wirtschaften in den fürs Wirtschaften eher ungünstigen Alpentälern mitzureden haben.

Schon 1979 übernahm er - nach einer Ausbildung an der Hotelfachschule - als Geschäftsführer die Skilifte seines Heimatortes Gerlos vom früh verstorbenen Vater und durchstieg die Karriereleiter der Lokalpolitik: Gemeinderat, Bürgermeister, irgendwann Nationalratsabgeordneter. Heute inszeniert er sich als Tirols Stimme in Wien und bezeichnet sich selbst als Gastwirt, Seilbahner, Bauer, Politiker und Jäger mit eigenem, riesengroßem Revier. Auf Hörls persönlicher Webseite wird angesichts seines Aktionsradius die Frage aufgeworfen: "Wie oft gibt es ihn, den Franz!?" Als ob ein Franz nicht schon genug wäre.

© SZ
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