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Sexualisierte Gewalt:Jeder Täter hat einen Namen

Wieder eine Untersuchung über Missbrauch, und wieder nennt die katholische Kirche darin keine Täter. Es ist beschämend, wie wenig viele Bistümer in all den Jahren gelernt haben.

Von Annette Zoch

Langsam wäre eine Schautafel hilfreich. Mit Pfeilen, wer mit wem und gegen wen ist, und einer ausführlichen Legende. Ein Heer von Anwälten ist inzwischen involviert in die Aufarbeitung des Missbrauchs in den Bistümern in Deutschland. Im Zentrum des Streits liegt - wie ein dunkles Loch - das Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), das auf Geheiß des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki und mit anwaltlicher Schützenhilfe nicht veröffentlicht werden darf. Es gibt das Gutachten und Gutachten über das Gutachten und Gegengutachten, und die Öffentlichkeit blickt allmählich nicht mehr durch. Auch so kann man verschleiern.

Nun wurde wieder eine Untersuchung vorgestellt, diesmal für das Erzbistum Berlin. Erzbischof dort ist Heiner Koch, sein Vorgänger hieß Rainer Maria Woelki, beide stammen aus der Erzdiözese Köln. Das Gutachten erstellt haben die Anwälte Sabine Wildfeuer und Peter-Andreas Brand von der Kanzlei Redeker Sellner Dahs (RSD). Dies ist insofern interessant, als die Kanzlei RSD ausgerechnet das Erzbistum Köln äußerungsrechtlich dabei beraten hatte, das WSW-Gutachten - in dem Namen von Verantwortlichen genannt werden sollten - nicht zu veröffentlichen. RSD hat außerdem einst den Verband der Diözesen Deutschlands, den Rechtsträger der Deutschen Bischofskonferenz, beim Entwurf der Leitlinien zum Umgang mit sexualisierter Gewalt juristisch beraten. Man kennt sich.

Angeblich sorgt sich der Bischof um eine Retraumatisierung der Betroffenen

Wenig überraschend: In dem Berliner Gutachten werden öffentlich keine Namen genannt. Diese Entscheidung traf nach Angaben der Gutachter Erzbischof Koch. Koch begründet dies mit Persönlichkeitsrechten, der Gefahr einer Retraumatisierung Betroffener und damit, "eine voyeuristische Darstellung zu vermeiden". Es ist diese typisch paternalistische Haltung der Kirchenführer gegenüber Betroffenen, die wirkliche Aufarbeitung verhindert. Nur einer Untersuchungskommission wird der Teil des Gutachtens mit den Namen zugänglich gemacht. Was die Kommission daraus macht, das kommuniziert am Ende wieder der Erzbischof. Wer mag es den Betroffenen da verdenken, wenn sie keinen echten Aufklärungswillen sehen?

Dabei hat der Aachener Bischof Helmut Dieser gezeigt, wie es anders geht. Er nahm schweigend das Gutachten der Münchner Kanzlei WSW entgegen. Dort wurden Namen genannt, exemplarische Fälle anonymisiert beschrieben. Erst eine Woche später äußerte sich Dieser, übte offen Kritik an früheren Bistumsleitungen - und schonte seinen Vorgänger im Amt nicht.

Die Kirche reagiert immer nur auf Druck von außen

Das Bistum Aachen ist die Ausnahme. Viele andere stehen noch am Anfang. Doch "Anfängerfehler" darf man den Verantwortlichen nicht mehr durchgehen lassen. Elf Jahre sind seit dem Bekanntwerden der Vorfälle am Canisius-Kolleg vergangen. Elf Jahre, in denen die Kirche hätte lernen können, wie man es richtig macht. Es ist nicht zu fassen, dass die Kirche auch nach elf Jahren immer nur auf Druck von außen reagiert. Auf Druck Betroffener, auf Druck der Öffentlichkeit.

Und nicht nur die Kirche. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist ein riesiges gesellschaftliches Problem. So groß, dass es eigentlich längst nicht mehr Sache einzelner Täterinstitutionen sein darf, sondern eine Aufgabe für die Politik. Der scheidende Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig hat recht, wenn er sagt: Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch versagt auch die. Und die Gesellschaft als Ganzes.

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