Russland:Was vielleicht geschah

FILE PHOTO: Royal Navy HMS Defender sets sail in Istanbul's Bosphorus

Auf dem Weg ins Schwarze Meer: Der britische Zerstörer "HMS Defender" passiert den Bosporus.

(Foto: Reuters)

Die russische Militäraktion - wenn es sie denn gab - gegen einen britischen Zerstörer lenkt den Blick auf eine Region, in der die Spannungen wachsen.

Kommentar von Frank Nienhuysen

Die HMS Defender ist ein britischer Zerstörer und war im Schwarzen Meer auf einer Routinefahrt, auf dem Weg zu einem angekündigten Nato-Militärmanöver, und man sollte nicht annehmen, dass daraus eine akute Gefahr entstehen könnte. Solche Übungen haben in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen, auf russischer Seite, auf Seiten der Nato-Partner. Alle wissen das, niemand ist überrascht. Jetzt aber: Südlich der Krim gibt das russische Militär Warnschüsse ab und lässt ein Kampfflugzeug zur Abschreckung Bomben werfen, damit das britische Schiff abdreht. Oder doch nicht? London dementiert diese russische Darstellung und spricht von "russischen Schießübungen", die gar nicht der Defender gegolten hätten. Klar ist, nicht alles davon kann gleichzeitig stimmen. Und das ist beinahe noch gefährlicher.

Ob der Zwischenfall auf dem Schwarzen Meer nicht eher ein spektakuläres Kommunikationsdesaster war (und wenn ja, von wem), dürfte in den nächsten Tagen wohl noch deutlicher werden. Warnschüsse und Bomben wären, diplomatisch betrachtet, in jedem Fall ein viel zu schweres Kaliber. Sollte die russische Darstellung aber gar nicht stimmen, wie London vermutet, dann wäre es natürlich bedenklich, wenn die russische Regierung es unbedingt so aussehen lassen wollte, als hätte sie ihre Hoheitsgewässer verteidigen müssen.

Das Schwarze Meer ist längst zum Areal geworden, in dem Russland und der Westen um ihren Einfluss kämpfen, Zeichen setzen, ihre Interessen verteidigen. Mehr Schiffe auf Übungsreise bedeuten eben mehr Risiken. Ein großes Problem dabei ist, dass dort, wo eigentlich klare internationale Regeln gelten, Russland allein seine eigene Sichtweise demonstriert. Mit der Annexion der Halbinsel Krim beansprucht das Land Küstengewässer für sich, die international so allerdings nicht anerkannt sind. Diese dann derart robust zu verteidigen, erhöht die heikle Konfrontation, für die der Kreml wie stets allein den Westen verantwortlich macht.

Adressat der Botschaft ist nicht London, sondern das heimische Publikum

Passend zu dem Zwischenfall trafen sich in Moskau am Mittwoch gerade die Hauptstrategen des russischen Militärs und der Sicherheitsdienste. Die Botschaft, die angeblich der britischen Marine geschickt wurde, dürfte daher zu einem großen Teil für das heimische Publikum bestimmt sein.

Russlands Regierung steht nämlich in schwierigen Zeiten. Im September finden Parlamentswahlen statt, und die Regierungspartei Einiges Russland verliert seit Jahren an Zuspruch in der Bevölkerung. Die zunehmende Gängelung der kritischen Opposition zeugt eher von einer Schwäche des Staates als von seiner Stärke. Die gerade stark wütende Corona-Pandemie engt den Spielraum weiter ein. Stimmung zu machen gegen das Ausland ist deshalb ein willkommenes - übrigens seit Jahrhunderten weltweit immer wieder genutztes - Ablenkungsinstrument. Das macht im aktuellen Fall die Welt leider nicht sicherer.

Als die Präsidenten Joe Biden und Wladimir Putin sich vor einer Woche in Genf trafen, fühlte sich die Atmosphäre vergleichsweise gelöst an, jedenfalls mit Blick auf die Vorgeschichte. Von weiteren Rüstungskontrollgesprächen war die Rede. Dringlich verhandeln sollte man sicher auch über eine Deeskalation im Schwarzen Meer. Das Problem ist nur: Moskau scheint von der Konfrontation gerade mehr zu profitieren.

© SZ/jkä
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