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Schulöffnungen:Zur Unvernunft gezwungen

Lehrerinnen und Lehrer müssen mancherorts Präsenzunterricht abhalten, werden aber noch nicht gegen Corona geimpft. Die Politik gefährdet so unnötig diejenigen, auf die es in der Bildungsmisere gerade ankommt.

Von Rainer Stadler

Seit einem Jahr weiß jedes Kind, wie die Pandemie am wirkungsvollsten zu bekämpfen ist: Masken tragen, Abstand halten, geschlossene Räume meiden. Das raten nahezu alle Experten, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, auch die Bundeskanzlerin. Ausgerechnet die Gruppen, die Kinder unterrichten, erziehen und betreuen, sind von Berufs wegen nun wieder gezwungen, diese Basisregeln zu ignorieren, jedenfalls in den unteren Klassen. In Sachsen hat der Unterricht an den Grundschulen wieder begonnen - ohne Masken oder Abstandsregeln im Klassenzimmer. Zur Erinnerung: Sachsen ist das Bundesland, dessen Kliniken bis vor Kurzem kaum ein freies Intensivbett für Covid-Patienten übrig hatten. Ministerpräsident Michael Kretschmer nennt die Schulöffnung einen "Versuch", von dem man erst Anfang März wissen werde, wie er ausgeht. Andere Bundesländer haben schon angekündigt, das Experiment ebenfalls wagen zu wollen.

Natürlich gibt es Gründe für das Wagnis. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass selbst guter Digitalunterricht nicht den direkten Kontakt zu Lehrerinnen und Lehrern ersetzt und an den Bedürfnissen schwächerer Schüler vorbeigeht. Vielen Kindern fehlt der Kontakt zu Freunden. Die Existenz unzähliger Betriebe steht auf dem Spiel, wenn Eltern - die ihren Job nicht ebenso gut im Home-Office erledigen können - fernbleiben, weil sie zu Hause ihre Kinder betreuen.

Trotzdem ist der Versuch nur zu rechtfertigen, wenn alle sonstigen Risiken und Nebenwirkungen minimiert werden. Die Lehrerinnen und Lehrer nehmen unfreiwillig an dem Experiment teil, sie können sich weder wehren noch streiken. Vor allem die Älteren fürchten zu Recht um ihre Gesundheit, das Risiko schwerer Verläufe bei Covid-Erkrankungen steigt bekanntermaßen ab 50 Jahren. Vor diesem Hintergrund ist es rätselhaft, warum sich der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission zur Aussage versteigt, er sehe keinen Grund, Lehrer bevorzugt zu impfen.

Der Aufenthalt im Klassenzimmer ohne Maskenpflicht ist riskant

Forscher der TU Berlin haben gerade ermittelt, an welchen Orten die Ansteckungsgefahr am größten ist. Ergebnis: Der Aufenthalt in einem vollbesetzten Oberstufen-Klassenzimmer ohne Maskenpflicht ist etwa zwanzigmal so riskant wie ein Besuch beim Friseur. Entwarnung ist nicht in Sicht. Die Bundesregierung hat den allgemeinen Lockdown verlängert, weil sie die Verbreitung gefährlicher Mutanten fürchtet. Die Fallzahlen in Deutschland sinken zwar seit Wochen, sind aber immer noch höher als die Spitzenwerte im Frühjahr, als das öffentlichen Leben flächendeckend stillgelegt wurde. Der Virologe Christian Drosten widerspricht seit Monaten den Kultusministerinnen und -ministern, die behaupten, Schulen seien keine Treiber der Pandemie.

In dieser angespannten, unsicheren Lage die Einrichtungen zu öffnen, stellt eine Zumutung für alle Beteiligten dar. Diese Zumutung ist gewollt, von Staat und Politik. Es ist das Mindeste, im Gegenzug alle vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Beteiligten zu schützen. Deswegen müssen Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Erzieherinnen und Erzieher bevorzugt geimpft werden, wie das schon beim Personal von Krankenhäusern oder Pflegeheimen der Fall ist. Ihnen dies zu verweigern, hieße, ihren Einsatz geringer zu schätzen. Wer will so ein Signal aussenden, in einem Land, das seit Jahren über einen Mangel an Lehrerinnen und Erziehern klagt?

© SZ/jyb
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