Süddeutsche Zeitung

Macron:Spät, aber nicht zu spät

In Ruanda spricht Frankreichs Präsident über die Verantwortung seines Landes. Nicht nur er hätte Anlass zur Selbstkritik.

Von Bernd Dörries

27 Jahre hat Frankreich gebraucht, um seine Rolle im Völkermord von Ruanda zu beleuchten, um offiziell herauszufinden, was so viele so lange wussten. Frankreich hat unter Präsident François Mitterrand eng mit dem Hutu-Regime paktiert, das gerade dabei war, den Mord an den Tutsi zu planen. Damals habe man gedacht, es handele sich um einen "ethnischen Konflikt", sagte der heutige Präsident Emanuel Macron nun in der ruandischen Hauptstadt Kigali. Man könnte es auch so übersetzen: Man dachte in Paris damals, in Afrika schlagen sie sich halt mal wieder die Köpfe ein, da kann man nichts machen.

Der Bericht der Historiker, den Macron in Auftrag gab, zeigt, dass er nicht einfach so passierte, dass die koloniale Geschichte durchaus eine Rolle spielte bei dessen Entstehung, dass die deutschen und belgischen Kolonialherren und später die Franzosen, je nach Interessenlage, Tutsi oder Hutu bevorzugten. Macrons Selbstkritik in Kigali kommt spät, aber nicht zu spät. Nun wäre es auch an Ruandas Präsident Paul Kagame, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Denn seine Befreiungsbewegung schlug zwar die Hutu-Mörder in die Flucht - sie tötete aber auch Zehntausende Hutu, darunter viele Unschuldige. Das gehört in Ruanda bis heute nicht zur offiziellen Geschichte, ist aber auch Teil der Wahrheit.

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