bedeckt München 20°

Erinnerungskultur:Ausgrenzung beenden

Mahnmal fuer die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma am Reichstag in Berlin (Foto vom 07.12.2017). Rund 23.000 Sin

Mahnmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma am Reichstag in Berlin.

(Foto: Rolf Zoellner via www.imago-imag/imago images/epd)

Roma und Sinti wurden im Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet und ermordet. Und immer noch leiden sie auch in der Bundesrepublik unter Vorurteilen. Es wird Zeit, das Unrecht anzuerkennen und etwas gegen die Diskriminierung dieser Minderheit zu unternehmen.

Kommentar von Jan Bielicki

Es ist ein Ort des stillen Gedenkens. Ein kreisrundes Becken, schwarz spiegelndes Wasser, in der Mitte ein Stein, auf dem eine Blume liegt. Im Sommer schützt das Laub hoher Bäume die Ruhe um das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlins Tiergarten. Einige der Bäume könnten bald fallen. Ihre Wurzeln sind einem projektierten S-Bahn-Tunnel im Weg - nach einer Planung, die tiefbautechnisch sinnvoll sein mag, aber sehr geschichtsvergessen ist.

Die Unabhängige Kommission Antiziganismus dokumentiert die Schandtaten

Wie sehr die leidvolle Geschichte der Sinti und Roma ins Heute wirkt, war kürzlich unter der Kuppel des benachbarten Reichstagsbaus zu sehen - wenn denn jemand schauen wollte. Zu einer späten halben Stunde debattierte der Bundestag über den Bericht der von ihm selbst eingesetzten Unabhängigen Kommission Antiziganismus. Es war eine durchaus würdige Aussprache, nur ein AfD-Abgeordneter pöbelte mit einem unsäglichen Lamento darüber, Menschen der Minderheit künftig womöglich nicht mehr mit dem Z-Wort beleidigen zu dürfen. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit war schwach, der Himmel über Berlin schon dunkel - was zwar zum düsteren Inhalt des Berichtes passte, aber dessen Bedeutung keineswegs angemessen war.

Es ist darum richtig, dass Innenminister Horst Seehofer den Bericht nun noch einmal bei Tageslicht vorstellte. Denn diese 500 Seiten sind ein historisches, ein wirklich erschütterndes Dokument. Sie dokumentieren einen der schändlichsten Aspekte der deutschen und leider auch der bundesrepublikanischen Geschichte.

Die Deutschen blenden das Jahrhundert-Verbrechen an den Roma und Sinti aus

Es geht dabei natürlich um den Porajmos, wie das schreckliche "Verschlingen" auf Romanes heißt, der Völkermord, bei dem eine sechsstellige Zahl von Sinti und Sintize, Roma und Romnja, Männer, Frauen und Kinder der Rassenideologie der Nazis zum Opfer fielen, vergast, erschossen, erschlagen, verschleppt und ausgehungert. Es war ein Jahrhundert-Verbrechen, doch bis heute hat es sich leider noch nicht wirklich in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt.

Denn da gab es noch das große Unrecht nach der monströsen Untat. Für die Überlebenden, ihre Verwandten und ihre Nachkommen ging es in der Bundesrepublik (und in der DDR) weiter mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung. Das Land der Täter versagte ihnen viel zu lange die Anerkennung der erlittenen Verfolgung, jede noch so schäbige Entschädigung, die Rückgabe des geraubten Eigentums, ja sogar ihrer deutschen Staatsbürgerschaft. Es war eine Schande, und sie ist noch keineswegs vollständig beseitigt.

Je nach Studie hegt immer noch jeder fünfte bis jeder zweite Deutsche harsche antiziganistische Vorurteile gegen Mitbürger, die sich als Sinti oder Roma zu erkennen geben. Und das kann mörderische Folgen haben: Unter den neun Opfern des rassistischen Mordanschlags von Hanau vor gut einem Jahr waren eine Romni und zwei Roma.

Umso wichtiger und nötiger ist es, den Empfehlungen der Kommission baldmöglichst zu folgen. Wenn wie vorgeschlagen ein eigenes Gremium die zweite Verfolgung der Sinti und Roma in der Bundesrepublik ins Bewusstsein der Deutschen holt, wenn ein Bundesbeauftragter beständig seinen Finger auf die offene Wunde des nach wie vor grassierenden Antiziganismus legt, kann das nur helfen. Denn darum geht es: das Unrecht sichtbar zu machen. Das vergangene, um daraus lernen, das gegenwärtige, um es bekämpfen zu können.

© SZ/kia
Zur SZ-Startseite
Armin Laschet will keine Steuerentlastung, davon stünde auch nichts im Wahlprogramm.

SZ PlusBundestagswahl
:Union: Steuererleichterung ja, aber erst später

Der Unionskanzlerkandidat Armin Laschet kann im Wahlprogramm seiner Partei keinen Hinweis auf Steuerentlastungen finden. Die FDP hat da ganz andere Dinge gelesen, und auch sein Wirtschaftsexperte Friedrich Merz widerspricht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB