Treffen in Lwiw:Erdoğan, der Vermittler

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Treffen in Lwiw: Erdoğan dürfte wissen oder zumindest ahnen, was der Angriffskrieger Wladimir Putin in der Ukraine noch vorhat und zu welchen Zugeständnissen er angesichts der ukrainischen Front-Erfolge bereit ist.

Erdoğan dürfte wissen oder zumindest ahnen, was der Angriffskrieger Wladimir Putin in der Ukraine noch vorhat und zu welchen Zugeständnissen er angesichts der ukrainischen Front-Erfolge bereit ist.

(Foto: MUSTAFA KAMACI/AFP)

Der türkische Präsident ist bekannt als Unruhestifter. Doch als Mediator zwischen Ukraine und Russland gewinnt er an politischem Gewicht.

Kommentar von Tomas Avenarius

Vorhang hoch und Bühne frei - der Friedensfürst aus Ankara kommt. Möglicherweise stellt man sich auf der türkischen Seite die Begleitmusik zum Auftritt von Recep Tayyip Erdoğan in Lwiw so vor. Aber ganz so ist es dann doch nicht. Fast überall, wo der Präsident auftaucht, schlägt ihm, es ist die ohrwurmartige Erdoğan-Ouvertüre, erst einmal Skepsis entgegen. Der Herr aus Ankara ist bekannt als Unruhestifter, als hemdsärmeliger und unberechenbarer Pragmatiker, der seine über Jahre hochgehaltene Agenda innerhalb von Tagen ändert, mit seinen außenpolitischen Aktivitäten ungehemmt innenpolitische Ziele verfolgt, manchmal ausschließlich.

Der Getreide-Deal wird als Startrampe für weitere Verhandlungen gesehen

All das ist bekannt. Es ändert aber nichts daran, dass Erdoğans politisches Gewicht im Ukraine-Krieg wächst. Der Getreide-Export-Deal mit Russland wird ihm und UN-Chef António Guterres gemeinsam gutgeschrieben, aber nach außen hin hat Erdoğan den Punkt gemacht. Bei dem Treffen in Lwiw, bei dem der Türke und der UN-Chef sich nun mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij an den Tisch setzen, dürfte es nun um mehr gehen als um die Bestandsaufnahme eines gut funktionierenden Abkommens. Der Getreide-Deal war auch als eine Art Startrampe gesehen worden für eine Verhandlungslösung im Ukraine-Krieg. Und Erdoğan ist dabei einer aus der Reihe möglicher Vermittler.

Unter den denkbaren Auswegen aus dem russisch-ukrainischen Gemetzel müssen zwangsläufig solche sein, bei denen die Ukraine schmerzhafte Zugeständisse machen müsste: Ein Zurück zum Zustand vor Beginn des russischen Überfalls wird es kaum geben, allen jüngsten Überraschungsschlägen der Ukrainer zum Trotz. Erdoğan ist in den vergangenen Wochen gleich zwei Mal mit Russlands Staatschef zusammengekommen; er dürfte wissen oder zumindest ahnen, was der Angriffskrieger Wladimir Putin in der Ukraine noch vorhat und zu welchen Zugeständnissen er angesichts der ukrainischen Front-Erfolge bereit ist.

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