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Aktuelles Lexikon:9.5 Punkt

Klingt kryptisch, ist aber wichtig - wenn man zum Beispiel Günter Grass lesen will.

Von Gerhard Matzig

Gerhard Steidl hat jahrzehntelang die Bücher von Günter Grass (1927-2015) herausgebracht. Als jetzt dessen Ehefrau Ute Grass gestorben ist, verfasste er ihr einen wundervoll wehmütigen Nachruf in der SZ. Darin wird auch ihre Argumentationskraft gerühmt. Dass die Werke des Nobelpreisträgers "in gut lesbarer Schrift, nämlich in der Baskerville 9.5 Punkt, erscheinen", sei auch ihr Verdienst, "sie hat sich gegen den Verleger, der, um Papier zu sparen, auch mit 8 Punkt zufrieden gewesen wäre, durchgesetzt". Wer sich im Supermarkt beim unwürdigen Versuch, die lebensmittelrechtlichen Miniaturschriften auf dem Joghurtglas zu entziffern, für sehschwach halten muss, ist froh über jeden senioren- und literaturfreundlichen Punkt, der einem von der Typografie gestattet wird. Die verwirrende Evolution der Schriftgrade (Baskerville wiederum ist die Schriftart) ist übrigens auch für Druckkunst-Historiker eine Herausforderung, doch vereinfacht lässt sich sagen: Schriftgrade werden seit dem 18. Jahrhundert in der Regel in Punkt angegeben, wobei es mittlerweile mehrere Punkt-Systeme gibt - vom Fournier-Punkt bis zum DTP-Punkt. Letzteres ist eine computerrelevante Standardgröße, die 0,35276 Millimeter misst. Der typografische Punkt ist die kleinste Einheit der Schriftgestaltung, hat also gar nichts mit dem orthografischen Punkt zu tun. Mit Lesefreude aber sehr viel.

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