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Profil:Wolfram Leibe

(Foto: dpa)

Triers Oberbürgermeister galt lange Zeit als Mann der Zahlen. Im Angesicht der Katastrophe erweist er sich als Politiker mit Herz - und wird gefeiert über die Stadtgrenzen hinaus.

Von Gianna Niewel

Als Wolfram Leibe 2014 Oberbürgermeister werden wollte, hatten einige Triererinnen und Trierer Bedenken. Leibe hat Jura studiert und danach vor allem verwaltet, sie kannten ihn als Leiter der Arbeitsagentur. Im Wahlkampf sprach er von "strukturellen Defiziten" und kündigte an, wenn er gewählt werde, müsse er "in erster Linie sparen". Nun mag es wichtig sein, auf die Zahlen zu achten, zumal in einer Stadt mit 738 Millionen Euro Schulden. Aber es gab Zweifel: Kann er Trier auch mit Herz führen? Leibe und die SPD gewannen erst in der Stichwahl.

Im Laufe der Amtszeit wurden die Bedenken gegen ihn weniger. Er wurde lockerer. Selbst im Feuerwehrkorb hoch über dem Petrusbrunnen - der Trierer Oberbürgermeister legt dem Stadtpatron vor dem Altstadtfest einen Blumenstrauß hin, auf dass er die Sonne scheinen lasse - sah er aus, als habe er neben dem angemessenen Ernst auch die angemessene Freude. Spätestens am Dienstag dürfte Wolfram Leibe, 60, auch die allerletzten Bedenken ausgeräumt haben, dass er die Stadt mit Herz führen kann.

Am frühen Nachmittag musste er erklären, was er selbst nicht verstanden hatte. Ein 51 Jahre alter Trierer war mit einem Range Rover durch die Innenstadt gefahren. Achthundert Meter, Zickzacklinien. Der Mann hat mindestens fünf Menschen getötet und mehrere schwer verletzt. Was sind dafür die angemessenen Worte?

Wolfram Leibe erzählte von seinem Weg durch die Stadt, und wie schrecklich der gewesen sei. "Da steht'n Turnschuh", Pause. "Das Mädchen dazu ist tot." Dann stockte er, er ist selbst Vater einer Tochter, und sein Pressesprecher übernahm: "Ich bitte um Verständnis, dass das einen manchmal doch sehr trifft." Es dauerte nicht lange, da gingen nicht nur die Bilder aus der Trierer Innenstadt durch die sozialen Netzwerke - Tannenzweige, Lichterketten, am Boden ein zugedeckter Körper -, sondern auch der Name des Oberbürgermeisters. Menschen bedankten sich für seine Anteilnahme, für sein ehrliches Betroffensein. Hashtag: #leibe.

Als er am Abend wieder vor die Presse musste, diesmal im Rathaus, wirkte er gefasst. Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, schwarz-weiß gestreiftes Hemd. Neben ihm saßen der rheinland-pfälzische Innenminister, der Leitende Oberstaatsanwalt, der Polizeidirektor, der Leiter der Berufsfeuerwehr. Es kommt in Trier nicht oft vor, dass so viele Menschen in so viele Mikrofone sprechen müssen.

"Ich will wissen, warum jemand das tut", sagt Leibe. Ob er eine Antwort bekommt?

Die Stadt wirbt zwar mit dem Amphitheater, den Kaiserthermen, der Römerbrücke, mit neun Unesco-Welterbestätten, aber weil manche von denen schon seit 2000 Jahren stehen, kommen deutlich mehr Menschen in Reisebussen als mit Übertragungswägen. Leibe sagte zu den Journalistinnen und Journalisten, er wäre froh gewesen, sie an diesem Tag nicht begrüßen zu müssen.

Zu diesem Zeitpunkt war schon viel klar. Der mutmaßliche Täter hatte zuletzt keine feste Wohnung und bei seiner Festnahme 1,4 Promille Alkohol im Blut. Die Zahl der Toten hatte sich auf fünf erhöht. Unklar ist weiterhin die Frage nach dem Motiv. "Ich will wissen, warum jemand das tut", sagte Wolfram Leibe mit fester Stimme. "Ob ich darauf eine Antwort bekomme, weiß ich nicht."

Der Abend wurde Nacht, die Nacht wurde Morgen, und in Trier kamen Menschen vor der Porta Nigra zusammen. Oder wie es in der Stadt heißt: "an da Pochta". Da brennen Grablichter, da stehen Totenkränze. Wolfram Leibe hält eine Rose in der Hand und einen Zettel, er muss in ein Mikrofon sprechen, damit ihn alle verstehen. "Wir sind eine kleine Großstadt, man kennt sich." Er selbst kenne Verletzte. Leibe dankt den Rettungskräften, die an die Grenzen dessen gegangen seien, was man Menschen zumuten könne. All denen, die sich sofort um die Verletzten gekümmert hätten. "Lassen Sie uns diese Solidarität aufrechterhalten." Als er fertig ist, klatschen die Menschen. Sie klatschen auch für ihren Oberbürgermeister.

© SZ/jok
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