Profil:Ron Huldai

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(Foto: Jack Guez/afp)

Der Langzeit-Bürgermeister von Tel Aviv ist der wohl letzte Linke, der in Israel Wahlen gewinnen kann. Nun tritt er gegen Benjamin Netanjahu an - vorsorglich mit einer neuen Parteiformation.

Von Peter Münch

Mit einer feurigen Antrittsrede ist er ins Rennen um das Amt des israelischen Premiers eingestiegen: Gegen die "verrückte" rechte Regierung hat er gewettert, gegen ein politisches System "voller Lügen und Fehlfunktionen" und gegen einen Ministerpräsidenten, der unter Korruptionsanklage fröhlich weiter regieren will. "Ich habe entschieden, dass ich nicht länger an der Seitenlinie stehen kann", rief Ron Huldai in die Mikrofone - und so hat das Mitte-Links-Lager in Israel pünktlich zur anstehenden Neuwahl am 23. März einen neuen Hoffnungsträger. Schon wieder einen.

Potentielle Führungsfiguren aus diesem politischen Segment hat Israels Langzeit-Premier Benjamin Netanjahu gleich reihenweise verschlissen in den vergangenen Jahren. In Huldai ist ihm nun aber ein Gegenspieler erwachsen, den er zumindest nicht so einfach als naiven Novizen vorführen kann wie den aktuellen Verteidigungsminister Benny Gantz. Huldai hat in seinen 76 Lebensjahren reichlich Führungs- und politische Erfahrung gesammelt. Er ist tatkräftig, entschlossen und ziemlich stur. Und er steht als Bürgermeister der Stadt und heimlichen Republik Tel Aviv für ein liberales Gegenmodell zur rechts-religiösen Regierung in Jerusalem.

Langzeitregent in Tel Aviv - 22 Jahre und kein Ende

Huldai, der in Tel Aviv seit ewigen 22 Jahren amtiert, pflegt das Image des volksnahen Familienmenschen, verheiratet, mit drei Kindern und acht Enkeln. Sein Werdegang steht dabei fast modellhaft für das alte, von der linken Arbeitspartei geprägte Israel. Geboren und aufgewachsen ist er im Kibbuz Hulda, aus dem sich auch der Familienname ableitet. Sein aus Polen eingewanderter Vater leitete die dortige Schule, und als einst ein 15-Jähriger namens Amos Klausner allein in den Kibbuz kam, nahm die Familie Huldai ihn auf. Im Kibbuz änderte der Junge seinen Namen zu "Oz", was im Hebräischen für Kraft und Stärke steht. Die Freundschaft zwischen Ron Huldai und dem 2018 verstorbenen Schriftsteller Amos Oz hielt lebenslang.

Mit 18 ging Huldai zur Armee und verließ sie erst 27 Jahre später im Rang eines Brigadegenerals. Als Kampfpilot erwarb er sich Meriten im Sechstagekrieg 1967 und im Jom-Kippur-Krieg 1973. Nach der Militärzeit stieg er in die Fußstapfen des Vaters und wurde Schuldirektor im traditionsreichen Herzlija-Gymasium von Tel Aviv. "Ich bin mein ganzes Leben lang mit meinen Hobbys beschäftigt", sagte er einmal - und meinte damit die Zeit als Pilot, als Lehrer und schließlich als Bürgermeister.

Unter seiner Ägide ist die Stadt zum Motor der israelischen Start-up-Nation geworden, zur vibrierenden Kultur- und Hipstermetropole mit segensreicher Lage am Mittelmeer. Dafür lässt Huldai sich gerne feiern. Weniger gern übernimmt er die Verantwortung für die Kehrseiten dieses Booms - die Staus, die Verschmutzung und vor allem die hohen Preise für Lebenshaltung und fürs Wohnen, die Tel Aviv auf der Rangliste der teuersten Städte der Welt jedes Jahr weiter nach oben klettern lassen.

Der letzte Linke, der in Israel noch Wahlen gewinnen kann

Doch wer ihm die Probleme übelnimmt, ist meistens schon weggezogen. Fünf Wahlsiege hat Huldai in Tel Aviv seit 1998 errungen. Er gilt damit als letzter Linker, der in Israel überhaupt noch gewinnen kann. Seine politische Heimat, die Arbeitspartei, ist inzwischen so weit marginalisiert, dass sie es bei der Parlamentswahl im März voraussichtlich nicht einmal mehr in die Knesset schafft. Huldai zieht es deshalb vor, mit einer Neugründung anzutreten.

Ohne Netz will er sich dabei nicht aufs Hochseil der nationalen Politik begeben. Ob er sein Bürgermeisteramt aufgibt, will er erst nach der Wahl entscheiden. In den ersten Umfragen ist seine Partei eher schwach gestartet. Doch er setzt auf das Heer der Enttäuschten. "Hunderttausende haben das Gefühl, dass sie im derzeitigen politischen System keine Heimat haben", glaubt er. Deshalb hat er seiner Partei einen schlichten, aber umfassenden Namen gegeben: die Israelis.

© SZ
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